Stephen Roche - Der 1987er

1987 war das Traumjahr für Stephen Roche aus dem kleinen Ort Dundrum nahe der irischen Hauptstadt Dublin. Denn da gewann er innerhalb eines Kalenderjahres Giro d'Italia, Tour de France und die Straßen-Weltmeisterschaft. Man kann der Ansicht sein, dass dies die drei wichtigsten Radrennen der Welt sind. Vor Roche hatte nur Eddy Merckx 1974 ein solches «Triple» vollbracht.

Was davor geschah
Doch bevor in besagtem Jahr Stephen Roches große Stunden schlugen, zeichnete sich ein solch außerordentlicher Triumph nicht unbedingt ab, obschon sich der Ire zu diesem Zeitpunkt bereits lange in der absoluten Weltspitze etabliert hatte.
Nachdem Roche seine Amateurzeit, in der er immerhin die Espoirs-Ausgabe von Paris-Roubaix gewann, zumeist in Frankreich verbracht hatte, unterzeichnete er für 1981 einen Profi-Vertrag beim Rennstall von Peugeot. Schon nach 3 Monaten hatte der 21-jährige Ire seinen ersten bedeutenden Sieg auf dem Konto, als er die renommierte Fernfahrt Paris-Nizza gewann. Dies verdankte er nicht nur dem siegreichen Abschlusszeitfahren. Er hatte schon zuvor die Gesamtführung inne.
Durch seine überdurchschnittlichen Leistungen im Kampf gegen die Uhr und am Berg war Stephen Roche ein Fahrer, der immer wieder für Tagessiege und den Gesamtsieg bei den mittelschweren Etappenfahrten infrage kam. Die Tour de Romandie in der französischen Schweiz gewann der Ire insgesamt dreimal, zweimal davon vor seinem Superjahr '87. Seine ersten beiden Tour-de-France-Erlebnisse beendete Roche mehr als solide, und zwar 1983 auf Rang 13 und 1984 auf Rang 25.
Bei der Tour de France 1985, inzwischen für die Mannschaft La Redoute, deutete der nun 25-jährige Ire an, dass aus ihm mal ein zukünftiger Kandidat für den Gesamtsieg werden könnte. Seine Allround-Fähigkeiten verhalfen ihm zum Tagessieg auf der Halbetappe zum Pyrenäen-Pass Aubisque und schließlich zum überraschenden Podestplatz in Paris. Nur Hinault und Lemond meisterten die über 4000 Kilometer schneller als Roche. Die beiden waren für den Rennfahrer aus Dundrum einfach eine Nummer zu groß, wenngleich der Rückstand auf den großen Bernard Hinault am Ende nur knapp viereinhalb Minuten betrug.
Der Aufstieg des Stephen Roche, der für 1986 bei Carrera unterschrieben hatte, wurde im Winter beim Sechstagerennen von Paris-Bercy gebremst. Nach einem schweren Sturz fand er in der darauffolgenden Saison nicht zu seiner Form der vergangenen Jahre zurück. Sein bestes Resultat war ein zweiter Platz auf einer Giro-Etappe, als er im Zweier-Sprint dem Norweger Pedersen unterlag. Die Tour de France schloss Roche abgeschlagen mit über anderthalb Stunden Rückstand auf den Gesamtsieger Lemond ab. Wer konnte nach diesem vermurksten Jahr ohne einen einzigen Sieg erahnen, was dieser Ire 1987 auf den Asphalt zaubern sollte?

1987
In seiner zweiten Saison für das von einem Jeans-Fabrikanten gesponserte Carrera-Team wischte Roche die Erinnerungen an das Vorjahr schnell mit einem guten Frühjahr weg. Siege bei Valencia-Rundfahrt und Tour de Romandie leiteten die Rückkehr des Iren aus Dundrum in die Weltelite ein. Den Giro d'Italia gewann er mit 3:40 Minuten vor seinem Insel-Nachbarn, dem Briten Robert Millar. Stephen Roche schien sich nach diesem für ihn bislang größten Sieg nun in einen wahren Rausch zu fahren.
Der Tour de France fehlte es 1987 an Favoriten. Hinault hatte aufgehört, Lemond war das Opfer eines Jagdunfalls geworden. Aus dieser Ausgangsposition entwickelte sich eine spannende Frankreich-Rundfahrt, die mit 25 Tagesabschnitten so lange dauerte wie niemals zuvor. Stephen Roche setzte eine erste Duftmarke mit dem Sieg auf der 10. Etappe, dem mit über 80 Kilometern äußerst langen Einzelzeitfahren nach Futuroscope.
Ständig wechselte das Gelbe Trikot die Träger. Unter ihnen waren auch die umjubelten Franzosen Mottet und Bernard, denen jedoch bei der letzten Hürde, den Alpen, die Luft auszugehen schien. Nicht nur im sprichwörtlichen Sinne passierte dies Stephen Roche, als er nach einem heißen Kampf mit dem Spanier Delgado, seinem einzig verbliebenen Gegner um die Tour-Krone, im Ziel im Wintersportort La Plagne zusammenbrach und ins Sauerstoffzelt getragen werden musste. Am nächsten Tag, der letzten Bergetappe, wurde ein Angriff vom Gesamtführenden Delgado erwartet, der beim letzten Zeitfahren nicht auf seinen kleinen Vorsprung vor Roche bauen konnte. Aber der Ire regenerierte nach dem Vorfall in La Plagne verblüffend gut. Er, nicht Delgado, attackierte auf dem Weg nach Morzine und verkürzte seinen Rückstand auf den Spanier so sehr, dass er den Tour-Gesamtsieg beim Kampf gegen die Uhr auf der vorletzten Etappe unter Dach und Fach bringen konnte.
Roche fuhr insgesamt nur drei Tage im «maillot jaune» und hatte in Paris lediglich 40 Sekunden Vorsprung auf Pedro Delgado. Er war der erste irische Gesamtsieger beim wichtigsten Radrennen der Welt. Dabei gilt es noch anzumerken, dass der Mann von der grünen Insel auf keinerlei Helfer in den Bergen zurückgreifen konnte. Deswegen zahlte er seine Siegprämie nicht - wie üblich - in die Mannschaftskasse ein, sondern gab nur dem Belgier Schepers etwas vom Kuchen ab. Das konnte er sich erlauben, weil ihm jetzt genügend Angebote neuer Arbeitgeber vorlagen und er wegen Unstimmigkeiten mit der Carrera-Teamleitung während des Giros die Mannschaft am Saisonende sowieso verlassen wollte. In letzter Konsequenz ist diese Aktion trotzdem nicht nachvollziehbar; denn seine Carrera-Stallgefährten unterstützten ihn immerhin beim Sieg im Mannschaftszeitfahren auf der 2. Etappe in West-Berlin.
Im September schließlich war der Akku von Stephen Roche eigentlich schon leer, als bei der Straßen-WM im österreichischen Villach kurz vor dem Ziel alles auf den Sprint einer 13-köpfigen Gruppe hindeutete. Roches spurtstarker Landsmann Sean Kelly war der Fahrer, auf den sich nun die Augen richteten. Doch anstatt Kelly den Sprint anzuziehen, zog Roche auf dem letzten Kilometer selbst auf und davon. Die verblüffte Konkurrenz, darunter drei Niederländer, machte nur noch große Augen und konnte deswegen nicht mehr den totalen Triumph durch Stephen Roche verhindern.

Was danach geschah
Das Jahr 1988 war für Roche eine einzige Katastrophe. In seinem neuen Team Fagor lief für ihn rein gar nichts. Ständige Knieprobleme waren Nachboten sowohl des Sechs-Tage-Unfalls von Bercy als auch der Strapazen aus der langen Supersaison '87. Getreu dem Sportler-Sprichwort «Knie heilt nie» plagte sich auch Stephen Roche bis zu seinem Laufbahnende mit diesem anfälligen Gelenk, was ihn ab 1989 aber nicht mehr davon abhielt, wieder eine Kariere einzuschlagen, wie er sie vor seinem "Triple" geführt hatte: Gesamtsiege bei mittelschweren Rundfahrten, zumeist ordentliche Resultate bei den großen Rundfahrten.
1989 konnte Roche die Baskenland-Rundfahrt gewinnen und wurde Neunter beim Giro d'Italia. 1991 nützte dem Iren seine aufsteigende Form nichts mehr, als er in Delgado-Manier bei der Tour de France zu spät zum Mannschaftszeitfahren erschien, weil er eine falsche Startzeit verkündet bekommen hatte. Seine pünktlich abgefahrenen Teamkollegen noch einzuholen, war somit ein aussichtsloses Unterfangen - und für Roche war die Tour gelaufen.
Dennoch eine weitere Sternstunde bei der Frankreich-Rundfahrt durfte der Ire mittlerweile 32-jährig erleben, als er 1992 den Etappensieg von La Bourboule davontrug. Außerdem belegte Roche, der in der Zwischenzeit wieder seinen Weg zurück zur Carrera-Equipe (!) gefunden hatte, als Neunter zum dritten Mal eine Top-Ten-Platzierung bei der großen Schleife. Das ist als Bilanz nach dem gigantischen 87er-«Triple» natürlich auf den ersten Blick ein wenig dürftig. Allerdings hatte Roche seine Ansprüche längst zurückgeschraubt und freute sich über den Etappensieg entsprechend.
In seiner letzten Radsport-Saison belegte Roche noch einmal den 13. Platz bei der Tour. Dann merkte er wohl, dass es wenig Sinn mehr machte, dem Traumjahr 1987 noch länger hinterherzufahren. Mit 34 Jahren beendete Stephen Roche aus Irland seine Laufbahn, in der er seinen Giro-Sieg, seinen Tour-Triumph und seinen Weltmeistertitel niemals wiederholen konnte. Dafür kann er sich auf die Fahnen schreiben, der legitime Nachfolger von Eddy Merckx zu sein, wenn auch nur für ein Jahr...

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Die wichtigsten Siege und Roches Teams:

1981 - Peugeot
7.1 Etappe Paris-Nizza
Paris-Nizza

1982 - Peugeot

1983 - Peugeot
Tour de Romandie
GP de Wallonie
1. Etappe Paris-Bourges
Paris-Bourges

1984 - Peugeot
Nizza-Alassio
6. Etappe Paris-Nizza
Tour de Romandie

1985 - La Redoute
7.2 Etappe Paris-Nizza
1 Etappe Critérium International
Critérium International
Tour Midi-Pyrénées
Prolog Etappe Dauphiné Libéré
9. Etappe Dauphiné Libéré
18. Etappe Tour de France (Col d'Aubisque)

1986 - Carrera

1987 - Carrera
7.2 Etappe Paris-Nizza
3.2 Etappe Valencia-Rundfahrt
Valencia-Rundfahrt
5.1 Etappe Tour de Romandie
5.2 Etappe Tour de Romandie
Tour de Romandie
1.2 Etappe Giro d'Italia
22. Etappe Giro d'Italia
Giro d'Italia, Gesamtsieg
10. Etappe Tour de France (Futuroscope/EZF)
Tour de France, Gesamtsieg
Straßenweltmeister in Villach

1988 - Fagor

1989 - Fagor
7.2 Etappe Paris-Nizza
3.1 Etappe 4 Tage von Dünkirchen
5.2 Etappe Baskenland-Rundfahrt
Baskenland-Rundfahrt

1990 - Histor
Katalanische Woche
4 Tage von Dünkirchen

1991 - Tonton Tapis
Critérium International

1992 - Carrera
16. Etappe Tour de France (La Bourboule)

1993 - Carrera

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Roche bei der Tour de France:
1983   13. für Peugeot
1984   25. für Peugeot
1985    3. für La Redoute
           18.1 Etappe (Col d'Aubisque)
1986   48. für Carrera
1987    1. für Carrera
           Gesamtsieger
           10. Etappe (Futuroscope/EZF)
1989   --. für Fagor
1990   44. für Histor
1991   --. für Tonton Tapis
1992    9. für Carrera
           16. Etappe (La Bourboule)
1993   13. für Carrera

Roche-Seiten im www:
www.sroche.com
www.memoire-du-cyclisme.net/palmares/roche_stephen.php

Irland

Stephen Roche
* 28.11.1959 in Dundrum

Teams & Siege
Roche bei der Tour de France
Stand: 11.09.2003

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