Giro d'Italia 2024 - Favoriten

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Pogacar als Debütant haushoher Favorit

Als derart übermächtiger Favorit ist schon lange kein Fahrer mehr in eine große Rundfahrt gegangen: Beim Giro d'Italia 2024 fehlt im entferntesten eine Vorstellung, wer dort Tadej Pogacar (UAE) schlagen soll? Der Giro-Debütant sieht jedoch den Vorjahreszweiten Geraint Thomas (Ineos) sowie Romain Bardet (DSM) als seine härtesten Gegner. Zumindest im Falle von Thomas sehen die Buchmacher das genauso. Er ist mit ähnlich großem Abstand Favorit auf den 2. Platz.

Von dem, was für den Rest übrig bleibt, erhoffen sich neben Podestplätzen hinter Pogacar in der Gesamtwertung vor allem die Sprinter bei voraussichtlich ungewöhnlich vielen Chancen einiges. Deren Riege wird von Tim Merlier (Soudal), Olav Kooij (Visma), Jonathan Milan (Lidl) und Kaden Groves (Alpecin) angeführt, wobei die Aufzählung noch lange nicht vollständig ist ...

Für Double erstmal Thomas und andere schlagen

Pogacar reist 2024 nach Italien mit 7 Siegen aus 10 Renntagen, und zwar Strade Bianche, die Gesamtwertung der Katalonien-Rundfahrt (wo er 4 der 7 Etappen gewann) und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Hinzu kommt ein 3. Platz bei Mailand-Sanremo – einmal mehr eine phänomenale Ausbeute des Alleskönners. Bei der Tour de France stand Pogacar schon 2020 und 2021 ganz oben auf dem Podest. Der 25-jährige Slowene könnte der erste Fahrer seit Pantani 1998 sein, dem das Double aus Gesamtsiegen bei Giro d'Italia und Tour de France gelingt.

Doch dazu muss Pogacar erst einmal den Giro für sich entscheiden. Nicht selten stolperten dort schon Favoriten über Missgeschicke. Und hierin liegt auch die Hoffnung eines Geraint Thomas, dem Tour-de-France-Sieger von vor 6 Jahren. Er selbst weiß ein Lied von Enttäuschungen beim Giro zu singen. Im Vorjahr war er ganz nah dran am großen Triumph, verpasste den Gesamtsieg um nur mickrige 14 Sekunden. Analog zum letzten Jahr verlief die Vorbereitung des Walisers völlig unauffällig. Anders als die meisten Fahrer aus dem erweiterten Favoritenkreis ist Thomas außerdem in Einzelzeitfahren, von denen es beim Giro gleich 2 an der Zahl gibt, gegen Pogacar konkurrenzfähig.

Das ist auch schon eine der Schwächen von Bardet, bei dem man ohnehin erst einmal sehen muss, ob er auf Gesamtwertung fährt. Neben Pogacar, Thomas, und Bardet sind beim Giro 2024 überhaupt nur 2 Fahrer in der Startliste, die bei einer großen Rundfahrt schon einmal am Ende auf dem Podest standen, und zwar die beiden alternden Damiano Caruso (Bahrain) und Nairo Quintana (Movistar).

Am nächsten dran war vor 3 Jahren Ben O'Connor (Decathlon) mit einem 4. Platz bei der Tour de France. Ähnlich hoch gewettet wird der aufstrebende Antonio Tiberi (Bahrain), der bei der Tour of the Alps 4 Sekunden hinter O'Connor den 3. Platz belegte. Dort gewann Juan Pedro Lopez (Lidl), der sich zumindest beim Giro d'Italia mit dem Rosa Trikot auskennt, aber fürs Endklassement ganz weit vorne dann vielleicht doch nicht infrage kommt.

Ganz klar in diese Richtung gehen die Ambitionen bei Cian Uijtdebroeks (Visma) und Daniel Martinez (Bora), die beide neu in ihren Teams sind. Relativ kurzfristig für den Giro nominiert wurde Alexej Luzenko (Astana), der die im Vorlauf die Abruzzen-Rundfahrt relativ deutlich für sich entschied.

Schaut man in die Top-Ten des Vorjahres, findet man tatsächlich Caruso auf dem 4. Platz. Damals auf Platz 7 kam Eddie Dunbar (Jayco) aus. Im Vorjahr auf dem 6. Platz landete Thymen Arensman (Ineos). Von den Kapitänen kann Geraint Thomas auf dem Papier demnach auf den stärksten Teamkollegen zählen, der auch selbst aufs Podest fahren könnte. Durch seine überraschende Leistung bei der Tour de Romandie unmittelbar vorm Giro d'Italia katapultierte sich Florian Lipowitz (Bora) ins Scheinwerferlicht und könnte gemeinsam mit Martinez etwas ausrichten ...

... und in die Bresche springen für den nach schweren Trainingssturz verletzten Lennard Kämna und den überraschend nicht nominierten Emanuel Buchmann, der der im Vorfeld darüber seinen Unmut mit deutlicher Kritik an der Teamleitung auf Instagram öffentlich machte. Sein Giro-Debüt wollte außer Pogacar eigentlich auch ein anderer Topstar geben. Doch Wout van Aert (Visma) brach sich einige Wochen vorm Giro die Knochen ebenso wie sein Teamkollege Jonas Vingegaard. Der aktuell 2-malige Tour-Champion Vingegaard war aber ohnehin nicht für den Giro vorgesehen.

Abgesehen davon scheinen viele Klassementfahrer die Flucht zu anderen Rennen ergriffen zu haben, nachdem Pogacar seinen Giro-Start angekündigt hatte. Zwar ist der Giro naturgemäß schwächer besetzt als die noch bedeutendere Tour de France. Doch 2024 ist das, was außer Pogacar da ist, schon etwas dünn.

Der Giro-Vorjahressieger Primoz Roglic (jetzt Bora, damals noch Visma-Vorgänger Jumbo) konzentriert sich 2024 auf die Tour de France, das einzige große Rennen, was ihm noch fehlt. Der Vorjahresdritte Almeida, der Tour-Dritte Adam Yates und der aufstrebende Ayuso fahren ebenfalls die Tour de France und sind ohnehin im selben Team wie Pogacar unter Vertrag. Auch Carlos Rodriguez, Egan Bernal (beide Ineos), Simon Yates (Jayco) und Vuelta-Sieger Sepp Kuss (Visma) setzen auf die Tour de France. Gut möglich, dass man beim Giro 2024 einen relativ billigen Top-Ten-Platz durch eine Fluchtgruppe einfahren kann.

Nicht so preiswert werden die Etappensiege zu haben sein. Denn auf den schwierigeren Etappen möchte beim Giro sicherlich Pogacar seine ersten Tagessiege feiern. Und für die auf den ersten Blick reichlich erscheinenden Sprintchancen tummeln sich die Anwärter, zumal die Profile der «Flachetappen» nicht jedem entgegen kommen. Der momentan mit Abstand beste Sprinter weltweit, Japser Philipsen, fehlt allerdings beim Giro 2024 wieder und lässt erneut seinem Teamkollegen Groves den Vortritt.

Milan, Merlier, Kooij Top-Trio unter vielen Sprintern

Zuerst zu nennen ist für Sprintentscheidungen wohl Jonathan Milan, weil er trotz seiner Urwucht auch mit Hügeln zurechtkommt und mit der Empfehlung anreist, im Vorjahr an allen Tagen außer den ersten beiden das violette Trikot des Führenden in der Punktewertung getragen zu haben. Seine größten Konkurrenten dürften normalerweise Tim Merlier und bei seiner ersten Grand Tour Olav Kooij sein, die aber beide vielleicht nicht jeden Hügel überleben. Kooij wurde in den letzten Jahren teamintern wegen der Ambitionen der Klassementfahrer, die 2024 auch Gesamtsiege bei sämtlichen Grand Tours verbuchten, nicht berücksichtigt. Alle verfügen auch über stattliche Sprintzüge, von denen Consonni (Lidl), Lamperti (Soudal) und Laporte (Visma) bei schwierigeren Profilen auch selbst zum Siegfahrer werden könnten.

Wie Milan verbuchte Kaden Groves im Vorjahr einen Etappensieg beim Giro, außerdem Alberto Dainese (jetzt Tudor). Etwas hinter den Leistungen vergangener Jahre hinken aktuell Fabio Jakobsen (DSM), Biniam Girmay (Intermarché), Caleb Ewan (Jayco) und Fernando Gaviria (Movistar) her. Sie wären alle in jüngerer oder auch länger zurückliegender Vergangenheit noch in einer Reihe mit den genannten 4 Top-Anwärtern genannt worden. Bei Jakobsen kommt noch dazu, dass ihm gerade sein Teamkollege Tobias Andresen bei der Türkei-Rundfahrt in den Schatten stellte – und dies möglicherweise auch beim Giro tut.

Bei schwierigeren Sprintankünften dürften sich neben dem beispielsweise genannten Laporte spätestens Danny van Poppel (Bora), Filippo Ganna (Ineos), Matteo Trentin (Tudor) oder auch Ethan Vernon (Israel) und Andrea Vendrame (Decathlon) einmischen, vielleicht sogar Pogacar höchstpersönlich, wenn er nicht seinen Teamkollegen Molano lässt. Bei flacheren Sprints sind Ambitionen von Phil Bauhaus (Bahrain) wegen sparsamer Team-Unterstützung ebenso gedämpft wie bei Max Kanter (Astana).

Mehr als Dutzend Fahrer haben die Chance auf Komplettierung ihrer Sammlung aus Etappensiegen bei allen 3 Grand Tours. Dazu zählt selbstverständlich Pogacar, aber auch ein Julian Alaphilippe (Soudal). Auch trotz Pogacars vermuteter Dominanz könnte es ein lebhaftes Rennen geben, weil sich dementsprechend von Beginn weg alle Augen auf dessen Team richten, wenn es um die Nachführarbeit geht. Die Frage wird jedoch auch sein, wie schnell Teams für Tagessiege oder Top-Ten-Plätze in der Gesamtwertung dem Pogacar-Team unter die Arme greifen? In diesem Fall könnte es zäh werden.

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