Tyler Hamilton (USA)


Von zwei Skiern auf zwei Räder
Eigentlich wollte Tyler Hamilton, geboren 1971 im US-Bundesstaat Massachusetts, alpiner Skifahrer werden. Deswegen ging er nach der Highschool von der Ostküste in die Rocky Mountains nach Colorado. Dort zog er sich jedoch eine schwere Rückenverletzung zu. Als Reha-Maßnahme stieg Hamilton aufs Fahrrad und entdeckte seine neue Bestimmung: jetzt rauschte Tyler auf zwei Rädern anstatt auf zwei Skiern über die Pisten.
1995 war es soweit: Als 23-jähriger begann Tyler sein erstes Profi-Jahr beim Team «Montgomery Bell». Zwölf Monate später hatte er den Sprung in das aufstrebende amerikanische US Postal Service Pro Cycling Team geschafft, für das also er ab 1996 in die Pedale trat.
Noch im selben Jahr gelang Tyler sein erster Profi-Sieg für seine neue Mannschaft, wenngleich die niederländische Teleflex-Tour (5. Kategorie) selbst Radsport-Kennern nicht zwingend ein Begriff ist.
1997 durfte Tyler Hamilton zum ersten Mal Tour-de-France-Luft schnuppern. Der Amerikaner hielt bis Paris durch und erreichte einen 69. Gesamtrang. Kein Bombenergebnis - aber immerhin...
Dafür ließ es Tyler ein Jahr später in Frankreich krachen: Beim ersten langen Tour-Zeitfahren legte er seine Qualitäten beim Kampf gegen die Uhr in die Waagschale und verblüffte mit einem 2. Tagesrang hinter Tour-Sieger Jan Ullrich. Am Ende sprang nach den dreiwöchigen Strapazen ein 51. Platz im Gesamtklassement raus, was man unterm Strich als Steigerung gegenüber dem Vorjahr verbuchen konnte.

Armstrongs wichtigster Helfer
Bis 1998 fuhr bei US Postal im Grunde genommen jeder auf eigene Rechnung. Das war auch noch im Frühjahr '99 der Fall, als Hamilton bei kleineren Etappenfahrten immer mal wieder in den Top10 auftauchen konnte. Doch spätestens im Juli war die Rolle aller Fahrer im Team neu definiert: Lance Armstrong hatte man nach der Krebs-Erkrankung in der US-Postal-Equipe Unterschlupf gewährt und der Texaner legte schon im Herbst '98 los wie die Feuerwehr mit vierten Plätzen bei WM und Vuelta sowie Gesamtsiegen bei Luxemburg- und Rheinland-Pfalz-Rundfahrt.
Als der Straßen-Weltmeister von einst bei der Tour de France in überlegener Manier seinen ersten Tour-Sieg davontrug, hatten sich alle Mannschafts-Kollegen ihm unterzuordnen. Das galt auch für Tyler Hamilton, der sich in den Bergen stark präsentierte und als wichtigster Armstrong-Helfer entpuppte. Hamilton garnierte den Triumph seines Kapitäns mit seinem eigenen 13. Platz.
Die Überlegung, dass Tyler wohlmöglich noch viel weiter vorne hätte landen können, wurde im Jahr darauf zwar nicht bei der Tour selbst (Gesamtrang 25), dafür aber beim schweren Vorbereitungs-Rennen Dauphiné Libéré in den französischen Alpen bestätigt. Dort ließ Armstrong seinen Leutnant gewähren. Tyler holte zwei Etappenerfolge (einen am Mont Ventoux) und schaffte dadurch den Gesamtsieg bei der Ehrenkategorie-Rundfahrt. Einen Monat danach hatte er mit seinem Chef die Rollen wieder getauscht. Tylers Unterstützung war im Jahr 2000 bei der Tour de France wohl noch wichtiger als '99, weil Armstrong nun in Person von Jan Ullrich einen stärkeren Konkurrenten hatte. Tyler war im Hochgebirge meist der letzte Team-Kollege an der Seite von Lance.
Bei Armstrongs drittem Streich in Frankreich 2001 zeichnete sich ab, dass die Helferrolle für Tyler Hamilton, mittlerweile 30 Jahre alt, nichts für die Ewigkeit sein konnte. Er fuhr zwar erneut eine solide Saison, lieferte aber mit Platz 94 bei der Tour de France sein schwächstes Resultat bei der "Grande Boucle" ab. Die Zeit für einen Tapetenwechsel nach sechs Jahren bei US Postal war gekommen.

Als CSC-Kapitän aufs Giro-Podium
Lance Armstrong gönnte seinem treuen Freund den Sprung in die Kapitänsrolle bei einem anderen Team und beriet Tyler bei der Teamwahl, ja stand ihm angeblich sogar bei den Vertragsverhandlungen zur Seite. Bjarne Riis, dänischer Tour-Sieger von 1996, köderte Tyler Hamilton für sein Team CSC-Tiscali mit einem Zweijahresvertrag.
Dieses «Schnäppchen» sollte sich für die Dänen auch gleich auszahlen. CSC plante mit Hamilton für Giro d'Italia und Tour de France als Mann für das Gesamtklassement. Bei der kuriosen Italien-Rundfahrt 2002 verfehlte Tyler den Gesamtsieg nur hauchdünn. Mit einem zweiten Platz in der Endabrechnung hinter Paolo Savoldelli und einem Etappensieg im ersten langen Einzelzeitfahren in Numana konnte der Amerikaner ausgesprochen zufrieden sein. Sicherlich kam ihm dabei zugute, dass u.a. Gilberto Simoni (peruanische Bonbon-Affäre) und Francesco Casagrande (Faustschlag) vom Giro ausgeschlossen wurde. Allerdings hatte Tyler auch mit zwei nicht gerade unwichtigen Widrigkeiten die gesamten drei Wochen zu kämpfen. Auf dem Prolog in Groningen stürzte er in die Absperrung und verlor über eine halbe Minute, auf dem fünften Teilstück brach er sich bei einem ähnlichen Vorfall die Schulter. Unfassbar: Tyler biss auf die Zähne und hielt ausgezeichnet durch!
Bei der Tour de France im selben Jahr reichte es bei stärkerer Konkurrenz "nur" noch zur 15. Position. Für Tyler Hamilton wuchsen die Bäume also nicht in den Himmel. Vorerst.

Das Superjahr 2003
Die Saison 2003 begann für Tyler vielversprechend. Bei den einwöchigen Frühjahrs-Etappenfahrten mischte Hamilton meist in Reichweite zu den Podestplätzen mit. So verpasste er bei der Baskenland-Tour den Gesamtsieg nur um zwölf Sekunden und wurde Zweiter.
Noch im April folgte schließlich der vorläufige Höhepunkt. Tyler Hamilton gelang der erste amerikanische Klassiker-Sieg bei einem der sogenannten Monumente. Bei Lüttich-Bastogne-Lüttich strampelte er auf den letzten Kilometern im Alleingang davon und trug sich mit seinem Sieg als erster Amerikaner in die Palmarès des vermeintlich anspruchvollsten Eintagesrennens der Welt ein. Eine Woche danach durfte er direkt den nächsten Erfolg bejubeln: Bei der Tour de Romandie in der West-Schweiz gewann Tyler eine Etappe sowie die Gesamtwertung der HC-Rundfahrt.
Anders als im Vorjahr verzichtete Hamilton auf den Giro und wollte sich optimal auf die Tour de France vorbereiten - mit dem Vorhaben, dort das Podium zu erklimmen. Doch schon ein Massensturz auf der Zielgeraden der 1. Etappe schien alle Träume platzen zu lassen: Schlüsselbeinanbruch, genauergesagt ein Haarriss, normalerweise das Aus! Aber nicht für Tyler Hamilton. Die Konkurrenz bewunderte sein Durchhaltevermögen, hielt ihn deswegen sogar für verrückt, hätte aber wohl kaum erwartet, dass Tyler auch noch im Gebirge mit von der Partie wäre - und das sogar als einer der Angreifer auf seinen Ex-Boss Armstrong, der bei der «grande boucle» 2003 ein fünftes Mal gewann, allerdings mächtig ins Wanken geriet.
Hamilton schien die Tour auf einem schon sowieso phänomenalen 6. Platz zu beenden, als er auf der 16. Etappe noch einmal aufdrehte und sich mit einer Gala-Vorstellung beim letzten Pyrenäen-Teilstück von Pau nach Bayonne einen unvergesslichen Tag bereitete. Mit schmerzverzerrtem Gesicht quälte sich Tyler die finalen Rampen der 100-jährigen Tour als Schnellster hoch und konservierte seinen Vorspurng auf dem langen anschließenden Flachstück zur Überraschung aller. So fuhr der mittlerweile 32-jährige US-Amerikaner nicht nur mit dem lädierten Schlüsselbein den Etappensieg von Bayonne heraus, sondern verbesserte sich mit einer starken Leistung im abschließenden Zeitfahren noch auf den 4. Gesamtrang.

Vom Olymp in den Dopingsumpf
Im Jahr 2004 wechselte Tyler Hamilton zum Schweizer Phonak-Team, vermutlich wegen des besseren Gehalts. Schließlich galt es, die Leistungen aus der Zeit bei CSC nun finanziell zu veredeln. Im Frühling gewann er wie im Vorjahr das Zeitfahren bei der Tour de Romandie und holte den Gesamtsieg. Eine Woche zuvor konnte er den Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich als Mitfavorit nicht wiederholen, wurde aber immerhin Neunter. Das Hauptaugenmerk galt aber der Tour de France, zumal sein neues Phonak-Team erstmals bei der «grande boucle» vertreten war. Bei der Dauphiné-Rundfahrt war nur Iban Mayo schneller als Hamilton, der seinen einstigen Kapitän Armstrong deutlich hinter sich ließ. Die «Tour der Leiden» konnte also kommen. Dort lief jedoch in den ersten Tagen für Tyler alles wie gehabt...
Auf der 6. Etappe gab es unter der Kilometermarke in Angers einen Massenssturz. Natürlich war auch wieder Tyler Hamilton dabei. Der US-Amerikaner zog sich böse Prellungen am Rücken zu, setzte das Rennen aber selbstverständlich fort. Der Tod seines geliebten Hundes schlug zusätzlich auf das Gemüt des 33-jährigen. Als in den Pyrenäen dann aber die Schmerzen zu groß wurden, verabschiedete sich Tyler auf der 13. Etappe von der Frankreich-Rundfahrt. Er hatte mit den Besten nicht mehr mithalten können.
Ein nächstes Ziel war Olympia in Athen. Tyler Hamilton konnte sich jetzt gezielt auf dieses Mega-Event vorbereiten. Und im Einzelzeitfahren gelang ihm dann der große Coup: Vor dem Ex-Olympiasieger Wjatscheslaw Jekimow und seinem Landsmann Bobby Julich holte Hamilton Olympia-Gold! Das war mehr als ein Trostpflaster für die misslungene Tour de France. Doch die Freude sollte nicht lange währen...
Bei der Vuelta 2004 startete Hamilton als einer der Mitfavoriten. Folgerichtig gewann er das erste lange Einzelzeitfahren auf der 8. Etappe. Nach schwächeren Leistungen in den Bergen stieg der Neuengländer aus der Rundfahrt wegen Magenbeschwerden aus. Da ahnte Tyler wohl schon, was passiert war - nach dem Zeitfahren war etwas mit der Dopingprobe nicht in Ordnung. Der US-Amerikaner war als erster Sportler überhaupt positiv auf Doping mit Fremdblut. Und es kam noch dicker: Der Test nach dem Zeitfahrgold von Athen ergab den gleichen Befund. Jedoch wurde die B-Probe wegen falscher Lagerung unbrauchbar. Deswegen musste Hamilton die Goldmedaille nicht abgeben. Der positive Test bei der Vuelta wurde allerdings von der B-Probe bestätigt.
Es folgten die gewohnten Unschuldsbekundungen seitens Tyler Hamiltons. Er schwor unter anderem auf seinen verstorbenen Hund und das Leben seiner Frau, dass er sich kein fremdes Blut eingeflößt hatte. Er und sein Phonak-Team gingen sogar so weit, und zweifelten die neue Kontroll-Methode an, mit der Blutdopingsünder erstmals überführt werden konnten. Teamkollege Santiago Perez ging den Dopingfahndern wenig später mit dem gleichen Befund ins Netz. Das hätte dem Schweizer Rennstall beinah die Teilnahme an der neu gegründeten ProTour gekostet.
Für Tyler Hamilton bedeutete die positive Probe hingegen das Ende seiner Karriere. Er konnte nicht beweisen, «sauber» gewesen zu sein. Hamilton war 34 Jahre alt, als er im April 2005 nach einer ungewöhnlich langen Verhandlung vom US-Verband für zwei Jahre gesperrt wurde.

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Die wichtigsten Profi-Siege und Hamiltons Teams:

1995 - Montgomery Bell

1996 - US Postal Service

1997 - US Postal Service

1998 - US Postal Service

1999 - US Postal Service
4.2 Etappe Dänemark-Rundfahrt
Dänemark-Rundfahrt, Gesamtsieg

2000 - US Postal Service
4. Etappe Critérium du Dauphiné Libéré
5. Etappe Critérium du Dauphiné Libéré
Critérium du Dauphiné Liberé, Gesamtsieg
4. Etappe Holland-Rundfahrt

2001 - US Postal Service

2002 - CSC-Tiscali
14. Etappe Giro d'Italia (Numana/EZF)

2003 - Team CSC
Lüttich-Bastogne-Lüttich
5. Etappe Tour de Romandie (Lausanne/EZF)
Tour de Romandie, Gesamtsieg
16. Etappe Tour de France (Bayonne)

2004 - Phonak Hearing Systems
5. Etappe Tour de Romandie (Lausanne/EZF)
Tour de Romandie, Gesamtsieg
Olympiasieger Einzelzeitfahren
8. Etappe Spanien-Rundfahrt

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Hamilton bei der Tour de France:
1997   69. für US Postal Service
1998   51. für US Postal Service
1999   13. für US Postal Service
2000   25. für US Postal Service
2001   94. für US Postal Service
2002   15. für CSC-Tiscali
2003    4. für Team CSC
           16. Etappe (Pau - Bayonne)
2004   --. für Phonak

Hamilton-Seiten im www:
www.tylerhamilton.com
de.geocities.com/ogkempf/hamiltonarsch.htm

USA

Tyler Hamilton
* 01.03.1971 in Marblehead

Teams & Siege
Hamilton bei de Tour de France
Stand: 24.04.2005

Foto: velo-photos.com
Sieg in Lüttich 2003
Tour-Etappensieg 2003
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