Mailand-Sanremo 2016

(ITA/1.UWT) - Siegerliste Mailand-Sanremo

Démare mit dem besten Timing

Arnaud Démare (FDJ) gewann Mailand-Sanremo 2016. Nach einem relativ ereignislosen Rennen überschlugen sich dafür auf dem Schlusskilometer die Ereignisse, als einige der Favoriten ihre Passivität wettmachen wollten. In einem langen Sprint hatte Démare das beste Timing und setze sich mit einer Radlänge vor Ben Swift (Sky) durch. Wiederum eine Radlänge zurück war Jürgen Roelandts (Lotto), für den nach einem frühen Antritt die Ziellinie 40 Meter zu spät kam.

Kurz vor der Kilometermarke attackierte Edvald Boasson Hagen (Dimension Data) mit Greg van Avermaet (BMC) am Hinterrad. Fernando Gaviria (Etixx) und Peter Sagan (Tinkoff) schlossen auf. Als dann keiner führen wollte, fuhren weitere Fahrer auf. Gaviria touchierte van Avermaets Hinterrad, ging zu Boden und störte damit Sagan erheblich.

Roelandts realisierte die Situation, nutzte den Schwung und sprintete los. Van Avermaet setzte nach, dann Nacer Bouhanni (Cofidis) und Hagen, bei denen aber bald die Luft raus war, bei Bouhanni wegen eines Kettenproblems, was er mit wütenden Schlägen auf den Lenker quittierte. Denn stattdessen kam gerade rechtzeitig Bouhannis Erzfeind Arnaud Démare mit Swift am Hinterrad auf. Der 24-jährige Franzose feierte seinen bisher größten Triumph. Der letzte französische Sieg in Sanremo datiert aus dem Jahr 1995, als Laurent Jalabert gewann. Und auch ein Sieg eines Franzosen bei einem der 5 Monumente liegt kaum kürzer zurück, und zwar 1997 in Roubaix und der Lombardei.

Umleitung auf Autobahn wegen Erdrutsch

Die Strecke von Mailand-Sanremo 2016 musste während des Rennens geändert werden. Zwischen Voltri und Arenzano passierte ein Erdrutsch, bei dem mannshohe Felsen auf die Küstenstraße stürzten. Die Fahrer wurden hinter dem Turchinopass für 9 Kilometer über die Autobahn umgeleitet, weswegen sich die geplante Renndistanz von 291 Kilometern um 4 auf 295 erhöhte.

Die frühe Spitzengruppe des Tages setzte sich bei Mailand-Sanremo 2016 aus 11 Mann zusammen: Bagdonas (AG2R), Tvetcov (Androni), Maestri (Bardiani), Barta (Bora), Kurek (CCC), Kluge (IAM), Bono (Lampre), Conti (Southeast), Tjallingii (LottoNL), Peron (Novo Nordisk) und Coledan (Trek). Sie hatten maximal 11 Minuten Vorsprung vor dem Hauptfeld.

An Cipressa wagen es nur Visconti und Stannard

Auf den letzten 27 Kilometern bogen die Fahrer dann vom Mittelmeer zu den möglicherweise entscheidenden Anstiegen ab: Cipressa und Poggio di Sanremo. Eingangs des Cipressa-Anstiegs waren noch Maestri, Barta, Kluge, Bono, Tjallinigii und Coledan in Front, wurden aber dann vom Hauptfeld geschluckt. Kurz vor dem Gipfel attackierte Giovanni Visconti (Movistar) gemeinsam mit Ian Stannard (Sky). Beide fuhren etwas über 10 Sekunden Vorsprung heraus.

Nach der Abfahrt kamen aus einem etwas zersplitterten Hauptfeld Daniel Oss (BMC), Matteo Montaguti (AG2R) und Sabatini (Etixx) nach vorn. In dem neu formierten Spitzenquintett verweigerte jedoch Sabatini die Tempoarbeit. Noch vor Beginn des Poggio-Anstiegs waren dieser 5 Fahrer wieder gestellt.

Kwiatkowski am Poggio zuerst oben

Hoch zum Poggio war recht wenig los: 7,5 Kilometer vor dem Ziel attackierte Andrea Fedi (Southeast). Er brachte aber ebenso wenig einen nennenswerten Abstand zwischen sich und das Verfolgerfeld wie wenig später Tony Gallopin (Lotto). Als noch 6 Kilometer zu fahren waren, zündete Michal Kwiatkowski (Sky) die erste ernste Attacke. Vincenzo Nibali (Astana) setzte erst kurz vor dem Poggio-Kulminationspunkt zarghaft hinterher.

Von oben waren es noch 5,4 Kilometer bis zur Ziellinie auf der Via Roma, davon etwa die Hälfte bergab. Kwiatkowskis Vorsprung betrug nie mehr als wenige Sekunden. Cancellara (Trek), Valverde (Movistar) und Sagan zeigten sich auf der Abfahrt, ohne jedoch eine Lücke zum Hauptfeld zu reißen. Erst 1,5 Kilometer vor dem Ziel schloss Fabian Cancellara mit Matteo Trentin (Etixx) zu Kwiatkowski auf, ohne jedoch das Hauptfeld merklich zu distanzieren.

Gaviria stürzt auf Schlusskilometer vor Sagan

Vielversprechender sah der Vorstoß von Edvald Boasson Hagen aus. Van Avermaet folgte sofort, Gaviria und Sagan mit Verzögerung. Dann nahm das Drama um Gaviria seinen Lauf. Der erst 21-jährige endschnelle Kolumbianer Gaviria hatte direkt bei seiner ersten Teilnahme bei der Classicissima nun gute Aussichten auf den Sieg, ebenso wie der Weltmeister Sagan, dem immer noch ein Monument in den Palmarès fehlt. Stattdessen verlor Gaviria nach 295 Kilometern die Konzentration, als van Avermaet seine Linie leicht verließ, nachdem vor ihm Hagen nicht mehr hatte führen wollen.

Dann verpusteten auch Roelandts und Bouhanni ihr Pulver, überquerten aber die Ziellinie immerhin wie van Avermaet noch vor Alexander Kristoff (Katusha), dem Sieger von 2014 und Zweiten des Vorjahres. John Degenkolb (Giant), der Sieger des Vorjahres, musste die Frühjahrssaison nach dem Trainingssturz, bei dem er und 5 Teamkollegen von einer Autofahrerin umgemäht wurden, absagen.

Von den am höchsten gewetteten Fahrern belegten Bouhanni, van Avermaet und Kristoff also die Ränge 4, 5 und 6. Sagan war im Bilde, wurde dann aber von Gaviria aus der Verlosung genommen. Michael Matthews (Orica) kehrte nach einem Massensturz zwar ins Hauptfeld zurück, hatte dann aber mit dem Ausgang des Rennens nichts zu tun. Fabian Cancellara, der 2016 sein letztes Mailand-Sanremo bestritt, musste wie Sagan dem stürzenden Gaviria ausweichen.

Bei freundlichem Frühlingswetter erreichten fast alle Fahrer das Ziel in Sanremo. Auf den Plätzen 7 und 8 zeigten mit Heinrich Haussler (IAM) und Filippo Pozzato (Southeast) 2 Sanremo-Helden vergangener Tage auf. Der Zweitplatzierte Swift hatte vor 2 Jahren schon den 3. Platz in Sanremo belegt. Démares bestes Ergebnis war hier bisher nur ein 34. Platz.

Sa 19. März 2016
Ergebnis der 107. Auflage Milano-Sanremo (295km)
1. Arnaud Démare (FRA) - FDJ 6:54:45
2. Ben Swift (GBR) - Sky
3. Jürgen Roelandts (BEL) - Lotto-Soudal
4. Nacer Bouhanni (FRA) - Cofidis
5. Greg van Avermaet (BEL) - BMC
6. Alexander Kristoff (NOR) - Katusha
7. Heinrich Haussler (AUS) - IAM
8. Filippo Pozzato (ITA) - Southeast-Venezuela
9. Sonny Colbrelli (ITA) - Bardiani-CSF
10. Matteo Trentin - Etixx-Quick Step
11. Luis Leon Sanchez (ESP) - Astana
12. Peter Sagan (SVK) - Tinkoff
13. Matteo Montaguti (ITA) - AG2R La Mondiale
14. Tom Jelte Slagter (NED) - Cannondale
15. Alejandro Valverde (ESP) - Movistar
16. Jan Bakelants (BEL) - AG2R La Mondiale
17. Niccolo Bonifazio (ITA) - Trek-Segafredo
18. Arthur Vichot (FRA) - FDJ
19. Simon Geschke (GER) - Giant-Alpecin
20. Francesco Gavazzi (ITA) - Androni Giocattoli
21. Davide Rebellin (ITA) - CCC-Sprandi
22. Andrea Fedi (ITA) - Southeast-Venezuela
23. Paul Voss (GER) - Bora-Argon 18 alle
24. Sep Vanmarcke (BEL) - LottoNL-Jumbo
25. Lars Boom (NED) - Astana
26. Edvald Boasson Hagen (NOR) - Dimension Data
27. Damiano Caruso (ITA) - BMC gleiche
28. Dayer Quintana (COL) - Movistar
29. Enrico Battaglin (ITA) - LottoNL-Jumbo
30. Franco Pellizotti (ITA) - Androni Giocattoli
31. Fabian Cancellara (SUI) - Trek-Segafredo Zeit
32. Jarlinson Pantano (COL) - IAM +0:08
33. Vincenzo Nibali (ITA) - Astana alle
34. Tony Gallopin (FRA) - Lotto-Soudal gleiche
35. Jens Debusschere (BEL) - Lotto-Soudal Zeit
...
40. Michal Kwiatkowski (POL) - Sky +0:34
45. Giovanni Visconti (ITA) - Movistar +0:34
55. Tom Boonen (BEL) - Etixx-Quick Step +0:36
57. Ian Stannard (GBR) - Sky +0:36
59. Michael Matthews (AUS) - Orica-GreenEdge +0:36
- 199 Teilnehmer, davon 180 klassiert.

Nach dem Rennen äußerten Eros Capecchi (Astana) und Matteo Tossato (Tinkoff), der spätere Sieger Arnaud Démare habe sich vom Teamwagen mit 80 km/h den Cipressa-Anstieg hochziehen lassen. Démare wies die Anschuldigungen zurück und bezeichnete die Italiener als schlechte Verlierer. Die Wahrheit lag wohl irgendwo dazwischen: Démare war vorm Cipressa-Anstieg in denselben Sturz verwickelt wie Michael Matthews und arbeitete sich in der Wagenkolonne wieder vor - ein Verhalten, bei dem die Jury normalerweise ein Auge zudrückt, wenn es der Fahrer nicht übertreibt. Da es aber keine Bilder von Démares Cipressa-Auffahrt gibt und die Jury nichts sah, bleibt es bei den widersprüchlichen Aussagen.

Zurück zum Samstag, aber nicht im deutschen TV

Der Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo kehrte 2016 auf den Wochentag Samstag zurück. In den beiden Jahren zuvor waren die Fahrer - wie bei den Monumenten in Belgien und Frankreich - an einem Sonntag zur Blumenriviera unterwegs. Die Rolle rückwärts gilt auch für das andere italienische Monument des Giro-Veranstalters RCS, also die Lombardei-Rundfahrt im Herbst.

Androni Giocattoli, Bardiani-CSF, Bora-Argon 18, CCC-Sprandi, Cofidis, Novo Nordisk und Southeast bekamen Wildcards für Mailand-Sanremo 2016. Automatisch dabei waren die 18 WorldTour-Teams. Die größten Favoriten waren Alexander Kristoff, Peter Sagan, Michael Matthews, Greg van Avermaet und Fabian Cancellara, dann schon mit Fragenzeichen Bouhanni und Gaviria. Auf Démare wären nach verkorkster Saison 2015 nun wohl die wenigsten gekommen.

Im deutschen Free-TV gab es keine Live-Übertragung von Mailand-Sanremo 2016, nicht einmal auf Eurosport2, und das trotz (oder wegen) des Sieges im Vorjahr durch John Degenkolb, der allerdings 2016 verletzungsbedingt nicht am Start stand.

www-tipps

Radsport-Seite.de, Homepage / Termine/Result. / Radsport-Termine 2016 / Mailand-Sanremo 2016