Miguel Indurain - Gentleman-Triumphator

Miguel Indurain war der erste Radsportler, der das wichtigste Rennen der Welt, die Tour de France, fünfmal hintereinander gewinnen konnte. Vor ihm hatten schon drei andere Fahrer fünf Tour-Siege errungen, nur nicht in ununterbrochener Folge, wie es Indurain zwischen 1991 und 1995 gelang.
Ob Bugno oder Chiappucci, ob Rominger oder Zülle, ob Ugrumow oder Berzin - keiner vermochte «Don Miguel» in der ersten Hälfte der 90er Jahre bei der Frankreich-Rundfahrt zu schlagen. In den Bergen ließ sich der Spanier nicht abschütteln und in den Zeitfahren zog er seiner Konkurrenz dann endgültig den Zahn.
Der Kampf gegen die Uhr war Indurains Domäne. Im Einzelzeitfahren wurde er Weltmeister und Olympiasieger, und er legte in dieser Disziplin auch den Grundstein für seine beiden Giro-d'Italia-Triumphe 1992 und '93.

Behutsamer Aufbau in fünf Jahren
Bevor Miguel Indurain zum neuen Patron der Tour de France aufstieg, musste er sich in seinem Team über mehrere Jahre regelrecht hochdienen. Der zurückhaltende Spanier wurde als Helfer seines Kapitäns Pedro Delgado behutsam aufgebaut auf seinem Weg nach oben. Doch wer konnte schon ahnen, dass ein 1,88m großer Rouleur, der bei seinen ersten beiden Tour-Teilnahmen 1985 und 1986 ausstieg und in den beiden nächsten Jahren die bescheidenen Plätze 97 und 47 belegte, auch einmal an den steilen und langen Rampen in Alpen und Pyrenäen die Konkurrenz kontrollieren könnte?
1988 steuerte er im spanischen Reynolds-Rennstall seine Hilfe zu Pedro Delgados Tour-Sieg bei. Ein Jahr später wurde er selbst schon 17., während Delgado als Dritter nicht mehr ins Sekundenduell zwischen Lemond und Fignon eingreifen konnte, weil er beim Prolog rund drei Minuten zu spät am Start erschienen war. Indurain selbst ließ mit seinem Etappensieg bei der Bergankunft in Cauterets in den Pyrenäen aufhorchen.
Wieder ein Jahr später wurde Indurain immer noch als Delgados Helfer eingesetzt, obwohl der «Kronprinz» eigentlich schon stärker eingeschätzt wurde. Indurain triumphierte auf der Etappe hoch nach Luz Ardiden und belegte den zehnten Gesamtrang in Paris, Delgado wurde noch einmal Vierter. Ab 1991 tauschten die beiden Spanier dann ihre Rollen.
José Miguel Echavarri war während Indurains gesamter Profi-Laufbahn sein sportlicher Leiter bei Reynolds, das nach einem Sponsorenwechsel ab 1990 unter dem Namen Banesto startete. Echavarri baute seinen neuen Top-Fahrer nicht mit Brechstange auf, sondern ließ ihm genügend Zeit, um sich langsam aber sicher emporzuarbeiten. Miguel Indurain dankte es seinem Boss und wechselte nie die Mannschaft - bis 1996...

Fünf Jahre die Tour dominiert
Auf der 13. Etappe der Tour de France 1991 läutete Miguel Indurain auf dem Weg vom spanischen Jaca ins französische Val Louron eine neue Ära ein. Es war seine Ära. Mit seinem Höllentempo am Col du Tourmalet hängte er drei Tage vor seinem 27. Geburtstag alle Gegner einschließlich des eingebrochenen Vorjahressiegers Lemond ab. Nur der unbändige italienische Bergteufel Claudio Chiappucci fand noch einmal Anschluss an den Spanier.
Und es kam in etwa so, wie es die nächsten Jahre immer laufen sollte. Indurains Konkurrent holte den Etappensieg, Indurain selbst war am Berg aber ganz vorne zeitgleich mit dabei, Indurain ergatterte das Gelbe Trikot, Indurain gewann die Einzelzeitfahren, Indurain fuhr zum Gesamtsieg bei der Tour de France.
Meistens geschah das Ganze für Indurain ungefährdet, weil nicht er, sondern nur seine Gegner sich Missgeschicke und Schwächen leisteten und sie an der Stärke des neuen Tour-Patrons verzweifelten. Schnell fanden sich Kritiker, die Indurains häufig defensive Fahrweise als zu unspektakulär empfanden. Seine Bewunderer warfen entgegen, Indurain wüsste seine Kräfte sinnvoll zu dosieren.
Auch abseits der Strecke haute Indurain niemals unnötig auf den Putz. Interviews gab er stets auf spanisch, große Sprüche ließen sich von ihm nicht entlocken. Der Spanier ließ stattdessen Resultate sprechen, und das waren am Ende nun einmal unter anderem die fünf Tour-de-France-Siege innerhalb von fünf Jahren.

Innerhalb eines Jahres von der Bildfläche verschwunden
Nach seiner fünften gewonnenen Tour wurde Indurain 1995 Zeitfahrweltmeister in Kolumbien. Den Titel im anspruchsvollen Straßenrennen verpasste der Spanier nur knapp, weil er sich - wie es sich gehört - nicht an der Verfolgung des ausgebüchsten Teamkollegen Olano beteiligte. Wie schon 1993 in Oslo blieb ihm nur Silber. 1991 in Stuttgart hatte er bereits Platz 3 erreicht. Das ist eigentlich erstaunlich für einen Fahrer, der ansonsten bei Eintagesrennen keine große Rolle spielte. Der einzige Erfolg von Bedeutung datiert hier aus dem Jahr 1990 beim Weltcuprennen im baskischen San Sebastian nahe seiner Heimat.
Dafür konnte Miguel Indurain aber 1996 zum ersten Sechsfachsieger bei der Tour de France aufsteigen. Die Favoritenrolle gehörte wieder ihm. Nur hatten sich diesmal nicht alle Teilnehmer schon mit dem Triumph des Spaniers abgefunden. Der dänische Vorjahresdritte Bjarne Riis kündigte nach seinem Wechsel zum deutschen Telekom-Rennstall selbstbewusst den Tour-Sieg an. Daran wollten zunächst die wenigsten so recht glauben.
Doch ab der 7. Etappe nach Les Arcs nahm das Unheil für Indurain seinen Lauf, als er am Berg einbrach und über vier Minuten auf die Spitze verlor. Der Weg für Riis war jetzt frei. Der Rückstand Indurains auf den späteren Sieger aus Dänemark summierte sich bis Paris auf 14:14 Minuten.
Nach dieser unerklärlichen Niederlage holte Indurain dann wenigstens Gold bei der olympischen Einzelzeitfahr-Premiere in Atlanta, was jedoch nicht über die Niederlage im Juli in Frankreich hinwegtrösten konnte, zumal er bei der Spanien-Rundfahrt zuvor auf ganzer Linie enttäuscht hatte, nachdem ihn sein Mentor Echavarri zum Vuelta-Start gedrängt hatte. Das Kapitel Banesto war damit für gebrochenen Champion aus Villalva beendet.
Am 2. Juli 1997 verkündete Miguel Indurain auf einer Pressekonferenz wie aus heiterem Himmel mit 32 Jahren seinen Rückzug aus dem Radsport-Zirkus, obwohl ihm mehrere lukrative Millionenverträge, beispielsweise von O.N.C.E., vorlagen.
Wie schon während seiner Karriere suchte er auch im «Ruhestand» nie den Kontakt mit den Medien. Anstatt sich hofieren zu lassen, blieb er bescheiden, wozu er allerdings nach all seinen großen Siegen eigentlich keinen Grund gehabt hätte. Aber vielleicht war das ja auch sein Erfolgsgeheimnis.

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Die wichtigsten Siege und Indurains Teams:

1985 - Reynolds

1986 - Reynolds
Tour de l'Avenir
Murcia-Rundfahrt

1987 - Reynolds

1988 - Reynolds
1. Etappe Vuelta a España (Santa Cruz de Tenerife)
Katalonien-Rundfahrt

1989 - Reynolds
Paris-Nizza
Critérium International
9. Etappe Tour de France (Cauterets)

1990 - Banesto
Paris-Nizza
16. Etappe Tour de France (Luz Ardiden)
Clasica San Sebastian

1991 - Banesto
Katalonien-Rundfahrt
8. Etappe Tour de France (Alençon/EZF)
21. Etappe Tour de France (Mâcon/EZF)
Tour de France, Gesamtsieg

1992 - Banesto
4. Etappe Giro d'Italia (Sansepolcro/EZF)
22. Etappe Giro d'Italia (Mailand/EZF)
Giro d'Italia, Gesamtsieg
Katalonien-Rundfahrt
Spanischer Straßenmeister
Prolog Tour de France (San Sebastian/EZF)
9. Etappe Tour de France (Luxemburg/EZF)
19. Etappe Tour de France (Blois/EZF)
Tour de France, Gesamtsieg

1993 - Banesto
Castilla y Leon
10. Etappe Giro d'Italia (Senigallia/EZF)
19. Etappe Giro d'Italia (Sestriere/EZF)
Giro d'Italia, Gesamtsieg
Prolog Tour de France (Le Puy du Foux/EZF)
9. Etappe Tour de France (Lac de Madine/EZF)
Tour de France, Gesamtsieg

1994 - Banesto
9. Etappe Tour de France (Bergerac/EZF)
Tour de France, Gesamtsieg

1995 - Banesto
GP du Midi Libre
Galizien-Rundfahrt
Critérium du Dauphiné Libéré
8. Etappe Tour de France (Seraing/EZF)
19. Etappe Tour de France (Lac-de-Vassivière-en-Limousin/EZF)
Tour de France, Gesamtsieg
Zeitfahrweltmeister in Kolumbien

1996 - Banesto
Asturien-Rundfahrt
Bicicleta Vasca
Critérium du Dauphiné Libéré
Olympiasieger (Einzelzeitfahren) in Atlanta

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Indurain bei der Tour de France:
1985   --. für Reynolds
1986   --. für Reynolds
1987   97. für Reynolds
1988   47. für Reynolds
1989   17. für Reynolds
           9. Etappe (Pau - Cauterets)
1990   10. für Banesto
           16. Etappe (Blagnac - Luz-Ardiden)
1991    1. für Banesto
           8. Etappe (Argentan - Alençon/EZF)
           21. Etappe (Lugny - Mâcon/EZF)
1992    1. für Banesto
           Prolog (San Sebastian/EZF)
           9. Etappe (Luxemburg/EZF)
           19. Etappe (Tours - Blois/EZF)
1993    1. für Banesto
           Prolog (Le-Puy-du-Fou/EZF)
           9. Etappe (Lac de Madine/EZF)
1994    1. für Banesto
           9. Etappe: (Périgueux - Bergerac/EZF)
1995    1. für Banesto
           8. Etappe (Huy - Seraing/EZF)
           19. Etappe (Lac de Vassivière/EZF)
1996   11. für Banesto

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Indurain-Seiten im www:
www.geocities.com/don_miguel_indurain Vorsicht, nervende Hintergrundmusik!
www.arrakis.es/~angelman/indu.htm Vorsicht, sehr nervende Hintergrundmusik!
www.miguelindurain.net Und auch hier eine tolle Melodie...
club.telepolis.com/alcab/miguel_indurain.htm
www.memoire-du-cyclisme.net/palmares/indurain_miguel.php

Spanien

Miguel Indurain Larraya
* 16.07.1964 in Villava

Teams & Siege
Indurain bei der Tour de France
Stand: 01.07.2003

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