Joop Zoetemelk - Der Mann der Superlative

Von Matthias Falke

Noch heute leuchten die Augen vieler junger Radrennfahrer, wenn der Name Joop Zoetemelk fällt. Schon zu seiner aktiven Zeit wurde er von der Königin der Niederlande zum Ritter geschlagen und ist bis heute der mit Abstand erfolgreichste niederländische Radprofi. Seine ungebrochene Popularität gründet sich auf drei Säulen: einer faszinierenden Erfolgsbilanz, die mit zahlreichen Superlativen garniert ist, dem ihm lange anhaftenden Makel des «ewigen Zweiten» bei der Tour de France und der Tatsache, dass er vom Sterbezimmer zurück in den Rennradsattel und die Erfolgs-spur fand.

Als Sohn eines Kartoffelhändlers am 3. Dezember 1946 in Den Haag geboren und in dem kleinen Ort Rijpwetering aufgewachsen, frönte Zoetemelk als Kind und in der frühen Jugend einem anderen niederländischen Volkssport, dem Eisschnelllauf. Erst mit 17 Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für das Rennradfahren. Was folgte, ist eine der außergewöhnlichsten Radsport-Karrieren der vergangenen Jahrzehnte.

1968 gewann Zoetemelk bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt die Goldmedaille im 100 Kilometer-Mannschaftszeitfahren, im Jahr darauf siegte er bei der Tour de l’Avenir, dem westeuropäischen Pendant zur Friedensfahrt und bis heute die wohl schwerste Amateur-Rundfahrt der Welt.

Bereits in seinem ersten Profijahr landete der kleine Niederländer bei seiner ersten Tour de France-Teilnahme 1970 auf Rang zwei. Eine Leistung, die er noch fünf Mal wiederholte und die bis heute seinesgleichen sucht. Ohnehin prägte das schwerste Radrennen der Welt maßgeblich die Karriere des Joop Zoetemelk, genauso, wie er der Tour seinen Stempel aufdrückte. Mit insgesamt 16 Teilnahmen bei der «großen Schleife» durch Frankreich ist er nach wie vor alleiniger Rekordhalter. Die Tatsache, dass er bei allen Teilnahmen stets das Ziel in Paris erreichte und insgesamt zwölf Mal unter den besten Acht der Endabrechnung landete, ist ein weiteres Superlativ. Seine unverdrossene Zähigkeit wurde 1980 belohnt. Nachdem Eddy Merckx seine Karriere beendet hatte und Bernard Hinault frühzeitig wegen einer Knieverletzung aufgab, war der Weg frei für Joop Zoetemelk und er sicherte sich in souveräner Manier das gelbe Trikot des Gesamtsiegers.

Dabei grenzt es an ein Wunder, dass der Niederländer diesen Triumph überhaupt erleben durfte, denn das dunkelste Kapitel seiner Laufbahn hätte ihm beinahe das Leben gekostet. Am 22. Mai 1974 prallte er bei der Fernfahrt Midi Libre gegen ein auf der Strecke parkendes Auto. Zunächst wurde eine leichte Gehirnerschütterung diagnostiziert und Joop Zoetemelk fuhr ins Hotel. Dort fiel er in Ohnmacht. Die Ärzte waren sofort zur Stelle, brachten ihn ins Krankenhaus, wo ein doppelter Schädelbasisbruch festgestellt wurde. Lange schwebte Zoetemelk in Lebensgefahr, zumal eine anschließende Hirnhautentzündung seine Genesung weiter verzögerte. Insgesamt musste Zoetemelk acht Monate mit dem Training aussetzen und konnte erst 1975 wieder ins Renngeschehen eingreifen.

Die Erfolgsbilanz des passionierten Jägers und Skilangläufers Joop Zoetemelk ist allerdings nicht nur durch seine Leistungen bei der Tour de France geprägt. Hier gelangen ihm zehn Etappensiege, fünf Mal war er zudem am Erfolg im Mannschaftszeitfahren beteiligt. Auch in anderen Rennen glänzte er: Paris-Nizza (1974, 1975 und 1979), Paris-Tours (1977 und 1979), die niederländische Meisterschaft im Straßenrennen (1971 und 1973), den Flèche Wallonne (1976), die Spanienrundfahrt (1979) und Tirreno-Adriatico (1985) beendete der sympathische Niederländer auf dem ersten Platz. Sein letzter großer Sieg war zugleich einer der emotionalsten. Mit über vierzig Jahren gewann Zoetemelk 1987 erstmals sein «Heimrennen», das Amstel Gold Race.

Der wichtigste Triumph seiner schillernden Laufbahn lag da schon zwei Jahre zurück. Im fortgeschrittenen Alter von gut 38 Jahren reüssierte er am 30. August 1985 im italienischen Giavera del Montello. Dabei waren beim Rennen um die Straßenweltmeisterschaft nahe dem Wintersportzentrum Cortina d’Ampezzo andere als Favoriten an den Start gegangen. Neben den Italienern um Moreno Argentin, Guiseppe Saronni und Francesco Moser wurden vor allem Bernard Hinault, Greg Lemond und die Belgier Eric Vanderaerden sowie Titelverteidiger Claude Criquielion als Kandidaten für das Regenbogentrikot gehandelt. Doch es kam anders: In der letzten Runde setzte sich eine 13-köpfige Spitzengruppe vom Hauptfeld ab. Neben den Topfavoriten Argentin, Lemond und Criquielion gehörten ihr drei Niederländer an: Gérard Veldscholten, Johan van der Velde und eben Joop Zoetemelk. Die über 200.000 begeisterten Tifosi waren überzeugt, dass ihr Mann den Sieg locker nach Hause fahren würde, doch 2000 Meter vor dem Ziel trat urplötzlich «Methusalem» Zoetemelk unwiderstehlich an und verteidigte bis ins Ziel drei Sekunden Vorsprung.

Umso erstaunlicher, war doch bis dato die Parallele zur Frankreichrundfahrt unverkennbar. Wie dem Erfolg bei der Tour fuhr Zoetemelk viele Jahre denkbar knapp an den Medaillenplätzen vorbei: Platz vier 1976 und 1982, drei Mal Fünfter in den Jahren 1972, 1973 und 1975 sowie Rang sechs 1978 zeugen von einer Konstanz, die beim WM-Rennen als einzigartig bezeichnet werden darf. Ein Sieg, den ihm alle Radsportenthusiasten von Herzen gönnten. Bis in die heutige Zeit ist Zoetemelk damit der älteste Straßenweltmeister.

Die Tatsache, dass Zoetemelk im biblischen Radsportalter noch solche Erfolge erzielen konnte, war in erster Linie auf zwei Umstände zurückzuführen. Seiner Lebensweise, betonte er doch stets, dass Trainingsfleiß und eine maßvoller Lebensstil für seine Erfolge verantwortlich seien, und seinem sechs Jahre jüngeren sportlichen Leiter Jan Raas, einst selbst Straßenweltmeister, der ihn seit 1983 Herbst für Herbst dazu überredete, noch eine Saison weiterzufahren.

Joop Zoetemelk lebt seit vielen Jahren mit seiner Frau in Frankreich, ist stolzer Hotelbesitzer und schwingt sich nur noch für Hobbyfahrten in den Rennsattel. Manchmal lässt sich der scheue Niederländer als Gast bei der Tour de France blicken und spätestens dann beginnen die Augen derjenigen, die ihn erkennen, wieder zu leuchten.

nach oben

Die wichtigsten Profi-Siege und Zoetemelks Teams:

1970 – Flandria-Mars
2.2 Etappe Paris-Luxemburg

1971 – Flandria-Mars
Straßenmeister Niederlande
Gewinner Bergtrikot Spanien-Rundfahrt
16. Etappe Spanienrundfahrt
Gewinner Bergtrikot Midi Libre
4.2 Etappe Luxemburg-Rundfahrt

1972 – Flandria-Beaulieu

1973 - Gitane-Frigécrème
Straßenmeister Niederlande
Tour du Haut-Var
7.2 Etappe Paris-Nizza
1.1 Etappe Midi Libre
2. Etappe Midi Libre
Gewinner Bergtrikot Midi Libre
2.2 Etappe Dauphiné Libéré

1974 – Gan-Mercier
Paris-Nizza, Gesamtsieger
6.1 Etappe Paris-Nizza
7.2 Etappe Paris-Nizza
Tour de Romandie, Gesamtsieger
4. Etappe Tour de Romandie
Katalanische Woche, Gesamtsieger
5. Etappe Katalanische Woche
2. Etappe Mittelmeer-Rundfahrt
Prolog Tour de France (Scheveningen/NED)
4. Etappe Tour de France (Nancy)

1975 – Gan-Mercier
Paris-Nizza, Gesamtsieger
6.1 Etappe Paris-Nizza
7.2 Etappe Paris-Nizza
11. Etappe Tour de France (Saint-Lary-Soulan)
Holland-Rundfahrt, Gesamtsieger
4. Etappe Holland-Rundfahrt
2.1 Etappe Korsika-Rundfahrt
4.2 Etappe Korsika-Rundfahrt

1976 – Gan-Mercier
Flèche Wallonne
3. Etappe Dauphiné Libéré
9. Etappe Tour de France (L’Alpe d’Huez)
10. Etappe Tour de France (Montgenèvre)
20. Etappe Tour de France (Puy-de-Dôme)

1977 – Mercier
Paris-Tours

1978 – Miko-Mercier
Paris-Camembert
2. Etappe Critérium International
14. Etappe Tour de France (Puy-de-Dôme, EZF)
GP von Lugano

1979 – Miko-Mercier
Spanien-Rundfahrt, Gesamtsieger
Prolog-Sieger Spanien-Rundfahrt
8.2 Etappe Spanien-Rundfahrt
Tour du Haut-Var
Prolog-Sieger Dauphiné Libéré
Paris-Tours
Paris-Nizza, Gesamtsieger
7.2 Etappe Paris-Nizza
Critérium International, Gesamtsieger
2. Etappe Critérium International
3. Etappe Korsika-Rundfahrt
18. Etappe Tour de France (L’Alpe d’Huez)

1980 – TI-Raleigh
Prolog-Sieger Dauphiné Libéré
5. Etappe Tour de Romandie
11. Etappe Tour de France (La Plume, EZF)
20. Etappe Tour de France (St. Etienne, EZF)
Tour de France, Gesamtsieg

1981 – TI-Raleigh
5.2 Etappe Holland-Rundfahrt (MZF)

1982 – Coop-Mercier

1983 – Coop-Mercier
Tour du Haut-Var

1984 – Kwantum Hallen-Decosol

1985 – Kwantum Hallen-Decosol
Straßenweltmeister in Giavera Montello
Tirreno-Adriatico, Gesamtsieger
5. Etappe Tirreno-Adriatico

1986 – Kwantum Hallen-Decosol

1987 – Superconfex-Yoko
Amstel-Gold-Rennen

nach oben

Zoetemelk bei der Tour de France:
1970 2. für Flandria-Mars
1971 2. für Flandria-Mars
1972 5. für Flandria-Beaulieu
1973 4. für Gitane-Frigécrème
Prolog-Sieger (Scheveningen)
4. Etappe (Nancy)
1975 4. für Gan-Mercier
11. Etappe (Saint-Lary-Soulan)
1976 2. für Gan-Mercier
9. Etappe (L’Alpe d’Huez)
10. Etappe (Montgenèvre)
20. Etappe (Puy-de-Dôme)
1977 8. für Mercier
1978 2. für Miko-Mercier
14. Etappe (Puy-de-Dôme, EZF)
1979 2. für Miko-Mercier
18. Etappe (L’Alpe d’Huez)
1980 1. für TI-Raleigh
1.2 Etappe (MZF)
7.1 Etappe (MZF)
11. Etappe (La Plume, EZF)
20. Etappe (St. Etienne, EZF)
1981 4. für TI-Raleigh
1.2 Etappe (MZF)
4. Etappe (MZF)
1982 2. für Coop-Mercier
1983 23. für Coop-Mercier
2. Etappe (MZF)
1984 30. für Kwantum Hallen-Decosol
1985 12. für Kwantum Hallen-Decosol
1986 24. für Kwantum Hallen-Decosol

Zoetemelk-Seiten im www:
www.memoire-du-cyclisme.net/palmares/zoetemelk_joop.php
www.radsportseiten.net/coureuruitslagenfiche.php?coureurid=6932

Niederlande

Hendrik Gerardus Joseph Zoetemelk
* 03.12.1946 Rijpwetering

Teams & Siege
Zoetemelk bei der Tour de France
Stand: 30.09.2007

Radsport-Seite.de, Homepage / Fahrer-Portraits und -Palmarès / Ex-Profis / Joop Zoetemelk