Die Doppelmoral der Herren Struve und Brender

- zum Ausstieg von ARD und ZDF von der Live-Berichterstattung zur Tour de France 2007

Günter Struve ist Programmdirektor bei der ARD und Nikolaus Brender Chefredakteur beim ZDF. Auch Struve und Brender sind nur Menschen, und deswegen ist ihr absehbarer Abgesang aus der Tour-de-France-Berichterstattung vielleicht noch zu verstehen. Konsequent ist dieser Ausstieg allerdings letztlich nicht. Und logisch ist er schon gar nicht. Die beiden mächtigen Programmmacher haben dem Radsport in Deutschland wahrscheinlich den Gnadenstoß versetzt in einer Zeit, in der diese Sportart in Deutschland so erfolgreich ist wie noch nie. Ohne TV-Übertragungen in den großen Fernsehsendern wird der Radsport für viele Sponsoren uninteressant. Da hilft auch leider nichts, dass der Spartensender Eurosport weiter überträgt. Die Deutschland-Tour steht bei einem Boykott der ARD vor dem Aus.

Eine Geschichte über die allzu menschliche Doppelmoral bei Günter Struve und Nikolaus Brender:

Es wird betrogen, wo betrogen werden kann. Und besonders dort, wo der Betrug nicht oder nur schwierig nachzuweisen ist. Das ist bei den Menschen überall so, nicht nur im Sport oder Radsport. Ist das die Schuld des Betrügers? Oder die Schuld des Systems, das den Betrug möglich macht?

Die Mehrheit bejaht wohl eher die erste Frage. Es ist auch so schön einfach. Fliegt irgendwo ein Betrüger auf, dann greift die Empörung um sich, und der Betrüger wird besonders von denjenigen verdammt, die ihn vorher am meisten feierten. Er wird in eine Ecke gestellt – ein Sündenbock, damit alle anderen in einem besseren Licht da stehen. Das ist besser für die Ex-Kollegen des Betrügers (Sportler) und für die Übermittler (Medien), die sich ihr Geschäft nicht kaputt machen wollen. Und so ein Sündenbock ist auch praktisch für den Beobachter (Zuschauer), damit er im Glauben bleibt, bei allen anderen geht es schon mit rechten Dingen zu... Fertig ist sie, die Legende des Schwarzen Schafs!

Beim Radsport funktionierte dieses Prinzip prima - bis sich die Doping-Meldungen häuften und die Medien und Zuschauer zu viel von dem Dreck mitbekamen, von dem sie eigentlich gar nichts wissen wollten. Anders als die Sportler können die Medien vom sinkenden Schiff abspringen, wenn es nicht mehr rentabel ist, oder es besser gesagt selbst zum Sinken bringen: ARD und ZDF zogen die Reißleine, und stellten schließlich ihre Live-Übertragungen von der Tour de France 2007 ein. Es war wie immer: Das Produkt blieb solange interessant, wie der Erfolg da war und bis der Betrug aufflog.

Aber ist ein auffliegender Betrug nicht eigentlich besser als ein verschleierter Betrug? Die für die meisten Menschen befriedigende Antwort lautet leider nein: Betrug gerne, aber bitte unter dem Deckmantel der Ehrlichkeit. Der saubere Betrüger ist der Gewinner, der Ehrliche der Verlierer und der erwischte Betrüger der Prügelknabe. Dieses zementierte Bild gilt es eigentlich zu sprengen, doch die beiden deutschen öffentlichen TV-Sender springen genau auf diesen Zug auf.

ARD und ZDF zeigen also seit der 10. Etappe keine Live-Bilder mehr von der Tour de France 2007, weil sie vom Radsport Tugenden verlangen, die selbst in Wirtschaft und Politik meist vergeblich zu suchen sind. Sie schieben dem Radsport den schwarzen Peter zu. Und übertragen weiterhin kritikfrei andere Sportarten, deren Vorbildfunktion ebenso infrage zu stellen ist:

Beispiel Schwimmen

Bei den Weltmeisterschaften Anfang 2007 in Melbourne wurden (wie in anderen Sportarten auch) nur Urinproben genommen. Das weit verbreitete und erst seit 2007 nachweisbare Wachstumshormon HGH kann jedoch nur mit Blutkontrollen festgestellt werden. Mehr Worte braucht man dazu wohl nicht zu verlieren.

Beispiel Langlauf, Biathlon, Eisschnelllauf

Bei den Sportarten Langlauf, Biathlon und Eisschnelllauf spielt die Ausdauer eine vergleichbare Rolle wie im Radsport oder Schwimmsport. Wer sollte also daran glauben, dass in diesen Sportarten sauber gespielt wird? Es standen und stehen die gleichen Dopingmittel und Ärzte zur Verfügung wie im Radsport, inklusive der Dopingmittel, die nicht nachzuweisen sind. In Deutschland erleben diese Sportarten, teilweise schon seit Jahren, einen Höhenflug. Ob Doping im Spiel ist, interessiert Medien und Zuschauer genauso wenig wie im Radsport Ende der 1990er Jahre. Dabei häufen sich gerade im Langlauf die Doping-Skandale: In den Jahren um die Jahrtausendwende wurden fast alle italienischen Spitzen-Langläufer nachweislich vom Radsport-Doping-Guru Conconi gedopt. Bei der WM 2001 flog fast das komplette finnische Team mit Blutdoping auf. Bei Olympia in Salt Lake City 2002 gab es einen Doping-Skandal um die russische Mannschaft und um Johan Mühlegg. Und in den Jahren darauf ging es mit der Überschreitung von Hämoglobin-Grenzwerten munter so weiter.

Beispiel Leichtathletik

Die Masse der Doping-Skandale in der jüngeren Vergangenheit (Jones, Montgomery, Gatlin, Kenteris, Thanou, Doping-Trainer Springstein, etc.) erinnert an den Radsport. Und betroffen sind nicht nur die kleinen Fische, sondern auch die Größen der Szene. Mit Jones, Montgomery, White und Gatlin erwischte es die herausragenden Kurzstreckensprinter der letzten Jahre. Der Stabhochsprung-Weltmeister Gibilisco wurde am Tag des ARD/ZDF-Tour-Ausstiegs für zwei Jahre gesperrt. Der Italiener ist in die gleiche Affäre verwickelt wie die Radsportler di Luca & Co. Die WM 2007 in Osaka wird wahrscheinlich dennoch von ARD und ZDF übertragen. Sieht man allein, wie viele 100-Meter-Sprinter oder Kugelstoßer schon überführt wurden, dann kann man von einem massiven Dopingproblem zumindest im Spitzenbereich dieser Disziplinen sprechen. Die Doping-Skandale in der Leichtathletik störten ARD und ZDF bisher nicht.

Beispiel Pferdesport

Das ZDF überträgt die erste Etappe der Tour de France 2007 und berichtet fast nur über Doping. Dann die Überleitung zum Reit-Turnier in Aachen: Dort steht die Ex-DDR-Schwimmerin Kristin Otto hinter dem Mikrofon und schwelgt begeistert über die Zuschauermassen und die begeisternden Bilder. Meldungen über gedopte Pferde sind den Zeitungen grundsätzlich höchstens eine Randnotiz wert. Das Dopen von Pferden scheint in dieser edlen Sportart generell ein Kavaliersdelikt zu sein - sofern es in der Szene überhaupt als Delikt wahrgenommen wird. Die jüngst positiven Dopingproben des Pferdes Air Jordan, geritten vom aufstrebenden Deutschen Springreiter Daniel Deusser, waren plötzlich unbrauchbar, angeblich wegen eines fehlenden Siegels. Solche Vorgehensweisen gehören angeblich im Reitsport zur Regel. Der Verdacht der Tierquälerei rundet den Cocktail der moralischen Verwerflichkeit ab.

Beispiel Boxen

Zwei Männer stehen sich gegenüber, um mit ihren Fäusten dem Gegenüber möglichst hart auf den Oberkörper oder bevorzugt auf den Kopf zu schlagen. Die höchste Form des Sieges ist der K.O., beim dem der Gegner gewollt körperlich verletzt wird. Diese real vorgelebte Gewalt steht im Zusammenhang mit einem aggressivere Verhalten der Zuschauer. TV-Übertragungen sind also aus moralischer Sicht höchst verwerflich. Siege sind zudem vermutlich häufig abgesprochen - genau das machte die ARD neulich den Kirmesrennen im Radsport zum Vorwurf. Dass es im Boxen Doping gibt, braucht wohl kaum noch erwähnt zu werden. ARD/ZDF-Boxer Michel Trabant gab erst im letzten Jahr Anabolika-Doping zu.

Beispiel Fußball

Diese Sportart ist das liebste Kind der Deutschen und der ganzen Welt, und entsprechend skandalresistent. Trotz reichlicher Anhaltspunkte für Betrug gingen die Medien gerne schnell wieder zur Tagesordnung über. Bei Schwalben: kurze Empörung, dann weiter wie bisher. Bei Bestechung: ein, zwei Schiedsrichter aussortiert, dann weiter wie bisher. Bei Doping-Indizien: eine Randnotiz, dann weiter wie bisher. Trainer Peter Neururer und Nationaltorwart Jens Lehmann wurden für ihre Andeutungen in den Medien sogar scharf kritisiert. Torwart Toni Schumacher wurde wegen seines Buches in den 1980er Jahren aus Deutschland gejagt. Der Fußball hat aufgrund seines größten Geldpotentials auch das größte Betrugspotential aller Sportarten, dafür aber auch das größte Potential, den Betrug zu vertuschen oder klein zu reden. Vertragsbruch, Korruption, Doping - alles egal. Viele argumentieren: «Mit Pillen schießt man keine Tore.» OK, im Fußball kommt dem Doping vielleicht keine derart zentrale Bedeutung zu, wie im Radsport. Dafür hat eine komplett EPO-gedopte Mannschaft zweifelsfrei einen immensen Vorteil gegenüber einer nicht gedopten Mannschaft. Hinweise über flächendeckendes Doping bei den Spitzenclubs Juventus Turin oder Real Madrid wurden nur halbherzig bzw. überhaupt nicht verfolgt.

Die Liste ließe sich innerhalb der genannten Sportarten aber auch für weitere Sportarten beliebig erweitern. Auch andere Sportarten als der Radsport sind also nicht gefeit vor Lug, Trug und sonstigem Verhalten verwerflicher Art. Wer dem Hochleistungssport irgendeine Vorbildfunktion zuweisen möchte, der lebt in einer Traumwelt. ARD und ZDF meinen, sie seien konsequent, wenn sie die Live-Übertragungen wegen des Doping-Falls Sinkewitz abbrechen. Dabei arbeiteten sie schon seit Tagen mit ihrem destruktiven Doping-TV am Radsport-Ausstieg auf Raten, für den nur noch auf einen Anlass gewartet wurde. Konsequenter wäre es, woanders die Messlatte ebenso hoch zu legen wie im Radsport.    

Quintessenz: Radsport-Seite.de fordert von ARD und ZDF den vorläufigen Stopp von Live-Übertragungen in Biathlon, Langlauf, Schwimmen, Eisschnelllauf, Leichtathletik, Pferdesport, Fußball und allen anderen Sportarten, in denen die Ausdauer bzw. die Muskelkraft durch unerlaubte Hilfsmittel gesteigert werden kann. Der Sendestopp muss solange dauern, wie die betroffenen Sportverbände keinen lückenlosen Maßnahmenkatalog gegen Doping vorweisen können. (Eine Garantie für einen komplett sauberen Sport zu verlangen, wäre genauso wie im Radsport eine unmögliche Forderung, auch wenn ARD und ZDF diese Messlatte beim Radsport anscheinend aufgelegt haben.)

Ferner fordert Radsport-Seite.de eine sofortige Streichung von ARD- und ZDF-Übertragungen aus den Sparten Boxen und Tourenwagen. Während beim Boxen rohe Gewalt vorgelebt wird, fahren beim Autorennen die Piloten ihre Rennwagen mit überhöhter Geschwindigkeit und verpesten die Umwelt. Unter moralischen Gesichtspunkten lassen sich solche Übertragungen nicht mehr länger rechtfertigen.

Erst Jan Ullrich und das Team Telekom feiern, hofieren und sogar sponsern (!), und dann den ganzen Radsport wie eine heiße Kartoffel fallen lassen; gleichzeitig andere zwielichtige Sportarten weiterhin feiern, hofieren und sogar sponsern – das ist doppelmoralisch, das ist die eigentliche Schweinerei! Auch Struve und Brender sind eben nur Menschen, genauso wie die dopenden Sportler.

Beschwerden an ARD und ZDF:

sport.ard.de/sp/komponente/kontakt/
www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,5243427,00.html

TV-Programm bei Eurosport:

yahoo.eurosport.de/tvschedule_clng1.shtml

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