Zu Besuch bei Jens Heppner

Jens Heppner vor seiner letzten Saison
06.12.2004 - In einer verwinkelten Straße in Kelmis, dem belgischen «Vorort» Aachens: Die Türe klingelt, es öffnet Patrick Heppner (16): «Mein Vater steht noch unter Dusche. Der war eben 15 Kilometer auf dem Laufband.» Jens Heppner, 39-jähriger Radprofi vom Team Wiesenhof, bereitet sich auf seine letzte Saison im Rennsattel vor. Ein letztes Mal heißt es für ihn, im Winter die Grundlagen für die kommende Saison zu schaffen. Er war Neunter bei der Tour de France 1992, Tour-Etappensieger 1998 und zehn Tage im rosa Trikot beim Giro d'Italia. Doch mit 40 Jahren (Geburstag am 23. Dezember), will er noch einmal bis zur Tour de France, wo er wieder für Eurosport kommentieren wird, auf dem Rad Gas geben.

Mit frisch gegeltem Haar betritt Jens Heppner das Zimmer. Er bietet einen Milchkaffee aus seinem sündhaft teuren Kaffeeautomaten an und genehmigt sich auch selbst einen Milchkaffee. Dann geht es in den Wintergarten, der den Blick auf das schmucke Grundstück hinter dem Haus freigibt. Hier lässt es sich leben. Unter der Decke hocken zwei Wellensittiche, die ein großes Spektakel veranstalten. Der Wintergarten ist ihr Reich, so wie das Reich des Jens Heppner die Landstraßen sind, auf der er mit dem Rad die Kilometer runterspult.

Anfang 2002 hatte Jens Heppner zu Protokoll gegeben, dass er im Dezember 2004 40 Jahre alt werde und dann seine Karriere beendet haben wolle. Jetzt macht er noch bis nächsten Sommer weiter. Auf diesen Sachverhalt angesprochen, erklärt er mit einem Grinsen im Gesicht: «Wieso? Stimmt doch! Ich habe gesagt, dass ich mit 40 aufhöre. Wenn ich diese Saison aufgehört hätte, dann wäre ich 40 gewesen bei meinem Vertragsende gewesen. Jetzt höre ich nächste Saison auf. Dann bin ich 40, wenn ich das letzte Rennen fahre.» Noch Fragen?

Jens Heppner über...

 

... seinen Tour-de-France-Etappensieg 1998 in Lorient:
«Jeder in der Gruppe hatte Verständnis dafür, dass ich nicht mitgeführt habe. Schließlich hatte Erik Zabel hinten das Gelbe Trikot. Und Telekom hat sogar selbst hinten Tempo gemacht. Ich dachte, dass die Gruppe sowieso nicht durchkommen würde. Aber sie war verdammt stark, vor allem Hervé. Zwei Kilometer vor dem Ziel habe ich dann grünes Licht von der Teamleitung bekommen. Als der Franzose (Xavier Jan) angriff, bin ich mitgegangen.» Auf der Zielgeraden sei er dann recht locker an ihm vorbeigesprintet. «Dann kam er aber noch mal gefährlich auf.» An sein Missgeschick aus dem Vorjahr, als er sich beim Kampf um den Etappesieg von Dijon in der Schulter von Bart Voskamp verhakte, hatte er in Lorient nicht mehr gedacht. Nur daran: «Mir fehlten damals nur 4 Sekunden aufs Gelbe Trikot (das der Däne Hamburger übernahm). Hätte mich die Teamleitung schon fünf Kilometer vor dem Ziel fahren lassen, dann hätte ich das Gelbe Trikot wohl geholt.» Der Wert des Gelben Trikots liegt für Jens Heppner noch ein Vielfaches über dem des Rosa Trikots, das er 2002 beim Giro d'Italia zehn Tage trug.

... seinen schweren Unfall 1999:
«Ich war in einer Superform. Dann hat mich einen Tag vor der Tour de Suisse ein Auto über den Haufen gefahren. Im Krankenhaus sagte mir der Arzt: ‹Sie sind querschnittsgelähmt› Darauf ich: ‹Das kann doch nicht sein! Schauen sie nochmal genau nach.› Nach einer halben Stunde kam der Arzt wieder und meinte ‹Sie sind doch nicht querschnittsgelähmt. An der Wirbelsäule sind nur ein paar Wirbel verdreht.›»

... Jan Ullrich:
«1994 war er noch Amateur, aber bei den Profis wurde er schon WM-Dritter im Einzelzeitfahren. Als er dann 1995 zum Team Telekom kam, dachte er erst einmal, er könnte alles gewinnen. Seine alten Trainer haben aber zum Beispiel dafür gesorgt, dass er im Februar ein Höhentrainingslager macht. Als er zurückkam, ging natürlich erstmal gar nichts mehr. Ich habe ihm dann ein paar Tipps gegeben, und deswegen hat er mir wohl vertraut. So kam es auch, dass wir beide auf einem Zimmer waren.»

... Walter Godefroot:
«Über Walter Godefroot habe ich eigentlich schon genug gesagt. Wenn ich zu ihm kam, und ihn gefragt habe, ob ich mein Rennprogramm mal mehr auf die Tour de France ausrichten und im Frühjahr etwas kürzer treten könnte, meinte er nur, ‹Ich bin früher alles gefahren, das könnt ihr dann auch›. Damit war das Thema für mich gegessen. Ich habe während meiner Zeit bei Telekom kaum ein Wort mit Godefroot gesprochen. Als ich gehen musste, sagte er zu mir und Udo Bölts, ‹Ich kann hier kein Rentnerteam aufmachen›. Das sagt doch eigentlich schon alles.»

... Bjarne Riis:
Als Bjarne Riis zu Telekom kam, wurde laut Jens Heppner alles anders: «Eine Tour- und eine Klassikermannschaft - das gab es bei uns vorher nicht. Riis wollte eine eigene Mannschaft für die Tour. Er sagte zu mir, ich solle mich speziell auf die Tour vorbereiten und bei bestimmten Rennen früher aussteigen. Da habe ich ihm gesagt: ‹OK, aber nur, wenn Du das dem Walter Godefroot erzählst› Auf mich hätte er sowieso nicht gehört. Bei Bjarne Riis ging das auf einmal.» Jens Heppner ist sich ziemlich sicher, dass das Team Telekom nur oder vor allem durch Bjarne Riis den Status erreicht hat, den es jetzt (als T-Mobile 2004 bzw. 2005) immer noch innehat.

... Teamzeitfahren:
«Die bin ich nicht gerne gefahren.» Laut Heppe seien sie hart und schwierig, auch weil dort neun Mann unter einen Hut gebracht werden müssen. Eine Meinung, mit der er nicht alleine dasteht, ist auch diese: «Teamzeitfahren sind unfair gegenüber Fahrern, die nicht so ein starkes Team haben. Bei der Tour de France sollte man das Teamzeitfahren weglassen.» Für Jens Heppner selbst haben die Teamzeitfahren anscheinend eine derart große Bedeutung gehabt, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte, mit Telekom mal eins bei der Tour de Suisse gewonnen zu haben...

... Sechstagerennen:
«Da bin ich einmal gefahren und ganz hinten gelandet. Die Bahn ist nichts für mich.»

... Brioches La Boulangère:
«Teams wie Brioches La Boulangère sind sehr wichtig für den Radsport», vielleicht sogar wichtiger als die großen Teams. Denn «erst diese Teams machen eine Tour de France richtig schwer. Sie denken nicht ans Ende der Etappe und schon gar nicht an Paris, wenn sie schon nach ein paar Kilometern attackieren. So werden die großen Teams immer zum Arbeiten gezwungen.»

... Doping-Kontrollen:
«Sie müssen sein, klar. Aber manchmal ist es auch übertrieben. Es gibt da jetzt eine Vorschrift, dass man der UCI drei Wochen vorher Bescheid geben muss, wenn man ein bestimmtes Schmerzmittel nehmen will. Aber woher weiß ich denn, was ich in drei Wochen für Schmerzen habe? Oder man muss für jeden Tag einen Monat im voraus angeben, wo man sich aufhalten wird. Doch woher soll ich vorher wissen, wo ich bin? Wenn ich morgens mit dem Training anfange, entscheide ich mich doch erst, wenn ich sehe, ob es gut rollt, welche Strecke ich fahre!» Dopingsünder kann Jens Heppner überhaupt nicht verstehen: «Mir wird ganz gruselig, wenn ich nur schon davon höre, dass da irgendwie mit Fremdblut manipuliert wird. Ich weiß gar nicht, wie man sich sowas überhaupt antun kann.»

... die ProTour:
«Ich weiß nicht, ob die ProTour gut für den Radsport ist. Es ist doch unsportlich, wenn da gar keine neuen Teams mehr aufsteigen können und über Jahre die Teams für die Tour de France feststehen. Auch, dass wir bei Wiesenhof jetzt alle Angestellte sein müssen, ist ein komische Regel. Vorher waren wir selbständig. Das war für das Team viel billiger. - Andererseits könnte die ProTour auch für uns eine große Chance sein. Bei den Rennen, die nicht zur ProTour gehören, dürfen nur die Hälfte der Teams aus der ProTour kommen. Da stehen uns plötzlich die Türen zu einigen wichtigen Rennen offen, zum Beispiel die Klassiker in Belgien. Für Het Volk haben wir schon eine Zusage. Vielleicht sind ja sogar die Teams, die nicht in der ProTour sind, am Ende die großen Gewinner.» Zum Zeitpunkt des Gesprächs (1. Dezember 2004) war noch nicht klar, ob denn die großen Rundfahrten inklusive Tour de France zur ProTour gehören. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätten auch dort nur die Hälfte der Einladungen an ProTour-Teams gehen dürfen. Jens Heppner frohlockte: «Vielleicht fahren wir ja dann sogar Paris-Roubaix und die Tour de France.» Doch selbst, wenn es so gekommen wäre, dann hätte Heppe «auf keinen Fall» mehr eine große Rundfahrt gefahren. «Dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen.»

... seinen Job bei Eurosport:
«Ich war mit Karsten Migels mal feiern. Da habe ich die Leute dann ziemlich gut unterhalten. Der Karsten fragte mich deswegen, ob ich nicht bei Eurosport kommentieren wolle. Da hab ich gesagt: ‹Ja, klar. Sag' mir vorher Bescheid!› Als ich das erste Mal bei Eurosport kommentiert habe, wurde ich ohne jede Vorbereitung ins kalte Wasser geworfen. Ich habe zum Beispiel gar nicht mitbekommen, wann Werbung war. Es ist passiert, dass ich weitergeredet habe und mir irgendwann jemand gesagt hat: ‹Du kannst auch aufhören. Es kann jetzt sowieso keiner hören, was du erzählst.›»

... sein Vorbild:
«Das war Bernard Hinault. Das durfte ich damals im Sozialismus natürlich keinem sagen. Hinault war genauso ein Querkopf wie ich.»

... seine Homepage www.jensheppner.de:
«Viele Freunde haben gesagt: ‹Du brauchst eine Homepage!› Jetzt habe ich eine. Die Homepage kostet mich Geld und Zeit. Die Texte dort habe ich alle selbst geschrieben. Ein Jan Ullrich weiß wahrscheinlich nicht einmal, dass er eine Homepage hat.»

... über eine Autobiographie:
«Das haben mir schon viele vorgeschlagen. Aber jetzt mache ich das noch nicht, obwohl ich eigentlich viel schreiben könnte. Als ich bei einem Trainingslager in Mexiko mal abends eine Dreiviertel-Stunde zu spät kam, musste ich für die Staatssicherheit direkt einen zehnseitigen Bericht schreiben. Über so etwas könnte ich noch viel mehr schreiben.»

... sein Privatleben:
Jens Heppner legt Wert darauf, dass Sport und Privatleben strikt getrennt werden. Er möchte sein Privatleben auf keinen Fall in der Öffentlichkeit ausbreiten. Jedenfalls fände er es «ätzend», wenn ständig Schlagzeilen über ihn in der Bild-Zeitung stünden.

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