Giro d'Italia 2016 - 19. Etappe

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18. Etappe Fr 27. Mai: 19. Etappe 20. Etappe

Zielankunft in Risoul: ca. 17:15 Uhr

Kruijswijk: Sturz, Nibali: Sieg, Chaves: Rosa

In einer dramatischen 19. Etappe nahm der Giro 2016 eine unerwartete Wendung: Vincenzo Nibali (Astana) fand plötzlich doch noch zu seiner Form und gewann in der französischen Skistation Risoul, während der Gesamtführende Steven Kruijswijk (LottoNL) durch einen Sturz in der Abfahrt vom Colle dell'Agnello 55 Kilometer vorm Ziel ins Hintertreffen geriet und das Rosa Trikot an Esteban Chaves (Orica) abgeben musste.

Kruijswijk hatte die erste schwache Sekunde innerhalb der Rundfahrt, als er sich in der Agnello-Abfahrt in eine 3 Meter hohe Schneewand überschlug. Dies kostete ihn im Endeffekt 4 Minuten auf Chaves, fast 5 Minuten auf Nibali - und aller Voraussicht nach den sicher geglaubten Gesamtsieg. Chaves konnte im 12,9 Kilometer langen Schlussanstieg Nibali nicht mehr folgen, als noch 5,3 Kilometer zu fahren waren. Dennoch reichte es zum Rosa Trikot 44 Sekunden vor Nibali und 65 vor Kruijswijk, der den wohl bittersten Tag seiner Karriere erlebte.

Salto in die Schneemauer am Colle dell'Agnello

Den mit Schneemauern gesäumten Colle dell'Agnello passierten von den Klassementfahrern Kruijswijk, Chaves und Nibali zuerst. Rund 40 Sekunden zurück war am 2744 Meter hohen Dach des Giro 2016 Alejandro Valverde (Movistar). Nibali knallte mit Chaves am Rad die Abfahrt hinunter. Hinter ihnen versteuerte sich Kruijswijk im oberen Teil in einer Linkskurve, legte einen Salto hin und schlug auf Schnee und Asphalt auf. Anders als Ilnur Sakarin (Katusha), der in derselben Abfahrt neben einen Bach stürzte, konnte Kruijswijk den Giro fortsetzen.

Doch im weiteren Verlauf der Abfahrt und im Flachstück zum Schlussanstieg war Kruijswijk isoliert von Teamkollegen, konnte sich nur kurz ausruhen in einer Gruppe, in der ein Helfer von Bob Jungels (Etixx) gemeinsam mit Kruijswijk das Tempo vorgab. Nibali und Chaves hielten sich stattdessen im Windschatten ihrer Teamkollegen Scarponi und Plaza auf, die als Andockstationen aus einer ehemals größeren Spitzengruppe fungierten. Außerdem erhielten sie Unterstützung von Pirazzi (Bardiani), über dessen Gründe man nur spekulieren kann. Zwischen der Nibali/Chaves-Gruppe und Kruijswijk hingen Valverde und Rafal Majka (Tinkoff) mit je einem Helfer. Im Schlussanstieg konnte Nibali seine Vorsprünge auf Valverde und den ausgezehrten Kruijswijk mehr als verdoppeln.

Ergebnis
1. Vincenzo Nibali (ITA) - Astana 4:19:54
2. Mikel Nieve (ESP) - Sky +0:51
3. Esteban Chaves (COL) - Orica-Greenedge +0:53
4. Diego Ulissi (ITA) - Lampre-Merida +1:02
5. Rafal Majka (POL) - Tinkoff +2:14
6. Alejandro Valverde (ESP) - Movistar gl.Zeit
7. Rigoberto Uran (COL) - Cannondale gl.Zeit
8. Georg Preidler (AUT) - Giant-Alpecin +2:43
9. Nicolas Roche (IRL) - Sky +2:51
10. Hubert Dupont (FRA) - AG2R La Mondiale gl.Zeit
11. Maxime Monfort (BEL) - Lotto-Soudal +3:00
12. André Cardoso (POR) - Cannondale +3:07
13. Darwin Atapuma (COL) - BMC +3:36
14. Bob Jungels (LUX) - Etixx-Quick Step +3:45
15. Andrey Amador (CRC) - Movistar +4:30
16. Steven Kruijswijk (NED) - LottoNL-Jumbo +4:54
17. Konstantin Siwtsow (BLR) - Dimension Data +5:53
18. Marcel Wyss (SUI) - IAM +5:59
19. Michele Scarponi (ITA) - Astana +6:21
20. Jakob Fuglsang (DEN) - Astana +6:22
...
22. Stefano Pirazzi (ITA) - Bardiani-CSF +7:26
24. Domenico Pozzovivo (ITA) - AG2R La Mondiale +7:55
- 157 Fahrer klassiert.
DNF Carlos Betancur (COL) - Movistar
DNF Philip Deignan (IRL) - Sky
DNF Ilnur Sakarin (RUS) - Katusha
DNS Giulio Ciccone (ITA) - Bardiani-CSF

Chaves nun 44 Sekunden vor Nibali

Aus komfortablen 3 Minuten Vorsprung wurden für Kruijswijk auf der 19. Etappe 1:05 Rückstand auf Chaves. Auch Nibali ging in der Gesamtwertung an Kruijswijk vorbei. Mit nunmehr 44 Sekunden Rückstand auf Chaves katapultierte sich Nibali zurück ins Rennen um den Gesamtsieg. Denn hoch nach Risoul holte Nibali 53 Sekunden plus Zeitbonifikation auf Chaves heraus - bei jetzt noch einer ausstehenden Alpenetappe.

Nur einem schwächeren Tag von Valverde hatte es Kruijswijk zu verdanken, dass er nicht komplett von den Podesträngen fiel. Sakarin gab mit einem Schlüsselbeinbruch auf und seinen 5. Platz an Majka ab. Dahinter rückten Jungels und Andrey Amador (Movistar) ebenfalls einen Platz auf. Rigoberto Uran (Cannondale) hielt sich während der 19. Etappe bei Valverde und Majka auf und verbesserte sich deswegen auf den 8. Platz vorbei an Siwtsow (Dimension Data), Pozzovivo (AG2R) und Fuglsang (Astana), die alle noch hinter Kruijswijk das Ziel erreichten.

Gesamtwertung
1. Esteban Chaves (COL) - Orica-Greenedge 78:14:20
2. Vincenzo Nibali (ITA) - Astana +0:44
3. Steven Kruijswijk (NED) - LottoNL-Jumbo +1:05
4. Alejandro Valverde (ESP) - Movistar +1:48
5. Rafal Majka (POL) - Tinkoff +3:59
6. Bob Jungels (LUX) - Etixx-Quick Step +7:53
7. Andrey Amador (CRC) - Movistar +9:34
8. Rigoberto Uran (COL) - Cannondale +12:18
9. Konstantin Siwtsow (BLR) - Dimension Data +13:19
10. Domenico Pozzovivo (ITA) - AG2R La Mondiale +14:11
11. Jakob Fuglsang (DEN) - Astana +18:41
12. Darwin Atapuma (COL) - BMC +20:51
13. Hubert Dupont (FRA) - AG2R La Mondiale +21:32
14. Maxime Monfort (BEL) - Lotto-Soudal +29:53
15. Sebastian Henao (COL) - Sky +30:02
16. André Cardoso (POR) - Cannondale +31:11
17. Giovanni Visconti (ITA) - Movistar +31:22
18. Stefano Pirazzi (ITA) - Bardiani-CSF +33:30
19. Matteo Montaguti (ITA) - AG2R La Mondiale +35:42
20. Michele Scarponi (ITA) - Astana +37:17
21. Nicolas Roche (IRL) - Sky +42:08
22. Diego Ulissi (ITA) - Lampre-Merida +45:36
23. Georg Preidler (AUT) - Giant-Alpecin +52:39

Erst recht spät konnte sich auf der 19. Etappe eine Spitzengruppe um mehrere Minuten vom Hauptfeld absetzen. Bereits in den sanfter ansteigenden Ausläufern zum Colle dell'Agnello machten sich 28 Fahrer auf und davon: Dupont, Montaguti (beide AG2R), Kotschatajew, Scarponi (beide Astana), Pirazzi (Bardiani), Cardoso, Moser (beide Cannondale), van Zyl (Dimension Data), Verona (Etixx), Denifl, Wyss (beide IAM), Ulissi (Lampre), Wellens, Monfort (beide Lotto), Herrada, Rojas, Sutherland (alle Movistar), Cunego (Nippo), Plaza (Orica), Preidler (Giant), Kusnezow, Silin (beide Katusha), Boswell, Lopez, Nieve, Roche (alle Sky), Hernandez und Petrow (beide Tinkoff).

Alle hatten einen Satelliten - außer Kruijswijk

Nibali, Chaves, Valverde und Majka platzierten also potenzielle Andockstationen an der Spitze, während Kruijswijks in der Bergen unterlegenes Team dies versäumte - was sich bitter rächen sollte. Die Spitzengruppe löste sich alsbald auf, und Scarponi war klar der Stärkste im Aufstieg zum Colle dell'Agnello. Oben, an der italienisch-französischen Grenze, heimste er die Cima-Coppi-Prämie ein. Die ersten Verfolger waren eine Minute zurück, das Trio mit Kruijswijk, Chaves und Nibali 5 Minuten.

Dann passierte Kruijswijks fataler Sturz, bei dem er sich wie durch ein Wunder nicht schwer verletzte. (Nachtrag: Am Abend wurde ein Rippenbruch diagnostiziert, dazu ein schmerzender Fuß.) Die erste Minute Rückstand zog ins Land, weil er 2 weitere Male vom Rad musste - das eine Mal zum Richten des Lenkers, das andere Mal zum kompletten Wechsel der Rennmaschine. Währenddessen flogen Valverde und Majka vorüber und fuhren wie Chaves und Nibali auf ihre Helfer auf, namentlich Herrada und Hernandez sowie Plaza und Scarponi. Da verlor Kruijswijk auf sich allein gestellt die nächste Minute.

Im Schlussanstieg waren die Kraftreserven und wahrscheinlich auch die Moral irgendwann zum Teufel, so dass am Ende selbst Jungels und Amador über eine Minute schneller hochfuhren als Kruijswijk. Ein einziger Fahrfehler in nebliger Abfahrt gepaart mit einem unterlegenen Team zerstörten den Traum vom Gesamtsieg für den physisch stärksten Fahrer des Giro d'Italia 2016.

Scarponi holte Cima Coppi vor Nieve

Auch in der Punkte- und Bergwertung schmolzen riesige Vorsprünge dahin, auch wenn Giacomo Nizzolo (Trek) das Rote und Damiano Cunego (Nippo) das Blaue Trikot zumindest vorerst behalten durften. Im Sog von Nibali und Chaves fuhren Mikel Nieve (Sky) und Diego Ulissi (Lampre) auf den 2. und 4. Platz der 19. Etappe. Aus der Spitzengruppe heraus hatte Ulissi zudem bei einem Zwischensprint gepunktet und Nieve hinter Scarponi auf dem Colle dell'Agnello. Die Abstände blieben - im Gegensatz zur Gesamtwertung auf Zeit - jedoch immer noch relativ groß.

Bergwertung
1. Damiano Cunego (ITA) - Nippo-Vini Fantini 134 p.
2. Mikel Nieve (ESP) - Sky 98
3. Stefan Denifl (AUT) - IAM 73
4. Darwin Atapuma (COL) - BMC 69
5. Giovanni Visconti (ITA) - Movistar 61
6. David Lopez (ESP) - Sky 54
7. Michele Scarponi (ITA) - Astana 51
8. Steven Kruijswijk (NED) - LottoNL-Jumbo 42
Punktewertung
1. Giacomo Nizzolo (ITA) - Trek-Segafredo 185 p.
2. Diego Ulissi (ITA) - Lampre-Merida 152
3. Matteo Trentin (ITA) - Etixx-Quick Step 141
4. Daniel Oss (ITA) - BMC 127
5. Sacha Modolo (ITA) - Lampre-Merida 126
6. Alejandro Valverde (ESP) - Movistar 88
7. Maarten Tjallingii (NED) - LottoNL-Jumbo 83
8. Steven Kruijswijk (NED) - LottoNL-Jumbo 76


Vorschau auf diese Etappe: In den Westalpen geht es hoch hinaus auf den beiden entscheidenden Etappen des Giro 2016, sofern die entsprechenden Riesenpässe schneefrei sind. Auf der 19. Etappe stellt sich den Fahrern das höchste Hindernis der diesjährigen Rundfahrt in den Weg: Colle dell'Agnello, mit 2744 Metern die Cima Coppi beim Giro 2016, und gleichzeitig der Grenzübergang nach Frankreich. Eine lange Abfahrt und die Bergankunft am Rollerberg nach Risoul vollenden diese 19. Etappe. Dies ist die vorletzte Tag, um den Mann im Rosa Trikot zu knacken - oder eine Gelegenheit, um ihn zumindest schon einmal weichzukochen für den vielleicht noch schwierigeren nächsten Tag...

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Giro d'Italia 2016

Giro d'Italia 2016
19. Etappe (162,0km)
von Pinerolo
nach Risoul (FRA)

-km113 13:52 Piasco
-km88 14:31 Sampeyre
-km56 15:46 Colle dell'Agnello
-km0 17:15 Risoul

Etappensieg:
Vincenzo Nibali (ITA)

Rosa Trikot:
Esteban Chaves (COL)

Punktewertung (rot):
Giacomo Nizzolo (ITA)

Bergwertung (blau):
Damiano Cunego (ITA)

Jungprofiwertung (weiß):
Bob Jungels (LUX)

Teamwertung:
Astana

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