Flandern-Rundfahrt 2017

(BEL/1.UWT) - Siegerliste Flandern-Rundfahrt

55 Kilometer Triumphfahrt von Gilbert

Philippe Gilbert (Quick Step) gewann die Flandern-Rundfahrt 2017 nach einem überragenden 55-Kilometer-Solo. Die Vorentscheidung zugunsten des Belgischen Meisters fiel jedoch schon 95 Kilometer vor dem Ziel, als sich an der Mauer von Geraardsbergen eine hochkarätige Gruppe mit Gilbert löste, aber ohne die Top-Favoriten van Avermaet (BMC) und Sagan (Bora).

Im Dreiersprint um den 2. Platz setzte sich Greg van Avermaet vor Niki Terpstra (Quick Step) und Dylan van Baarle (Cannondale) durch. Die endgültige Entscheidung zugunsten von Gilbert fiel, als Peter Sagan am Oude Kwaremont nahe der Absperrung stürzte, als noch 18 Kilometer zu fahren waren, und hinter ihm van Avermaet und Oliver Naesen (AG2R) mit zu Boden riss.

Van Baarle schlüpfte vorbei, und van Avermaet sprang sofort wieder aufs Rad, während Sagan und Naesen lange auf Ersatzräder warten mussten und keine Rolle mehr spielten. Aus einem Verfolgerfeld sprang Terpstra zu van Avermaet und beide schließlich zu van Baarle. Das Trio halbierte den Abstand zu Gilbert bis zum Ziel noch auf 28 Sekunden.

Sonnenschein bei Premiere für Antwerpen

So intensiv mal wieder die letzten 100 Kilometer des flandrischen Monuments waren, so ruhig ging es am Vormittag los. Erstmals in Antwerpen, das Brügge als langjährigen Startort ablöste, nahmen die 199 Teilnehmer die 259,5 Rennkilometer bei strahlendem Frühlingswetter unter ihre Räder. Die frühe Spitzengruppe des Tages stand schon kurz nach dem scharfen Start der Flandern-Rundfahrt 2017. Den Sprung wagten Duval (AG2R), Troia (UAE), McNally (Wanty), van Zummeren, Goolaerts (beide Verandas Willems) und Morice (Direct Energie), schließlich ergänzt durch Edward Planckaert (Sport Vlaanderen) und Looij (Roompot). Diese 8 Fahrer erhielten zeitweise über 11 Minuten Vorsprung.

Erste - eher sinnlose - Verfolgungsaktionen zeigten innerhalb der letzten 150 Kilometer van Asbroeck (Cannondale), dann Docker (Orica) und de Backer (Sunweb) sowie Haller (Katusha), Phinney (Cannondale) und Gougeard (AG2R), sowie Theuns (Trek) und als Letzter Politt (Katusha), bevor die Post an der Mauer von Geraardsbergen abging.

Vorentscheidung an der Muur, die ins Profil zurückkehrte

Die Muur stand erstmals seit ihrer Verbannung 2012 wieder im Programm der Flandern-Rundfahrt. Wegen des frühen Zeitpunkts und den langen Flachstücken bis zu den nächsten der insgesamt 18 Anstiege war dem ikonischen Pflasteranstieg im Vorfeld - auch durch Top-Favorit van Avermaet - keine große Bedeutung zugemessen worden.

Ein fatale Fehleinschätzung! Gilbert ging mit seinen Teamkollegen Tom Boonen (bei dessen letzter Flandern-Rundfahrt) und Matteo Trentin in die Offensive. Zusammen mit Kristoff (Katusha), Vanmarcke (Cannondale), Coquard, Chavanel (beide Direct Energie), Rowe, Moscon (beide Sky), Bodnar (Bora), Vanspeybrouck (Wanty), Stuyven (Trek), Démare (FDJ) und Modolo (UAE) waren sie oben nur knapp voraus - aber Gilbert hatten alle anderen an der Mauer von Geraardsbergen das letzte Mal bis zur Siegerehrung gesehen.

Sagan und van Avermaet: Zug des Tages verpasst

Die 14-köpfige Gruppe arbeitete gut zusammen. Sagan versuchte aus der nächsten Gruppe heraus allein aufzuschließen, schaffte es aber nicht. Van Avermaet und Naesen saßen sogar noch eine Gruppe dahinter. So dauerte es bis zum Zusammenschluss dieser beider Gruppen, bis eine organisierte Verfolgung mit den verbliebenen Helfern gegen die Hochkaräter vorne beginnen konnte. Inzwischen war der Vorsprung auf eine Minute angewachsen.

67 Kilometer vor dem Ziel wurden die letzten 5 der frühen Ausreißer, Duval, McNally, van Zummeren, Morice und Planckaert, gestellt. 10 Kilometer später ging die nun 21-köpfige Spitzengruppe - noch mit Troia und Goolaerts, aber bereits ohne Looij - in die 2. von 3 Überfahreten am Oude Kwaremont. Gilbert zog dort davon, als Sep Vanmarcke sein Hinterrad nicht mehr halten konnte.

Gilbert plötzlich allein hinter 2. Kwaremont-Passage

Trentin fuhr an Vanmarcke vorbei, aber nicht vor zum entfesselten Gilbert, der oben die Entscheidung treffen musste: Warten auf die Teamkollegen oder durchziehen zu einem Wahnsinnssolo? Er entschied sich fürs Solo, weil er immerhin über 20 Sekunden auf die nächsten Verfolger herausgefahren hatte und im Kwaremont auch einige Sekunden herausgeholt hatte auf die Gruppe um van Avermaet und Sagan, die nun 50 Sekunden zurücklag und langsam keine Helfer mehr hatte.

Zwischen Oude Kwaremont und Paterberg stürzte Vanmarcke in einer lang gezogenen, abschüssigen Kurve mitten auf die Straße. Luke Rowe konnte nicht ausweichen und ging ebenfalls zu Boden, während Maciej Bodnar in die Böschung auswich. Nach dem Paterberg betrug Gilberts Vorsprung auf die nächsten Verfolger - Démare, Boonen, Kristoff, Trentin, Moscon, Coqauard, Chavanel und Modolo - bereits 40 Sekunden.

Nur wenige Sekunden dahinter näherten sich van Avermaet, Sagan und John Degenkolb (Trek). Doch nicht nur diese 3 Fahrer, auch etliche weitere füllten nun die Verfolgruppe des Solisten Gilbert auf. Vor dem Koppenberg attackierten die beiden Rückkehrer Fabio Felline (Trek) und Dylan van Baarle. Hinter diesem steilsten Anstieg des Tages probierte André Greipel (Lotto) erfolglos, den Anschluss zu Felline und van Baarle herzustellen.

Boonens Abschied an «seinem» Berg

38 Kilometer vor dem Ziel, ausgerechnet zu Beginn des Taaienbergs, blockierte bei Tom Boonen die Kette, als er in 2. Position des Verfolgerfeldes hinter Yoann Offredo (Wanty) fuhr. Boonen hatte in seiner langen und erfolgreichen Karriere gefühlt jedes Mal an diesem Anstieg attackiert. Nun war für den 3-maligen Sieger der Flandern-Rundfahrt in seinem drittletzten Rennen eine vordere Platzierung außer Reichweite. Denn Sagan beschleunigte mit Naesen am Rad. Im Nachfassen erreichte auch van Avermaet diesen Zug, dazu der Außenseiter Offredo sowie Trentin als Gilberts Wachhund.

Das Quintett holte Felline und van Baarle ein, konnte den Rückstand zu Gilbert aber immer noch nicht nachhaltig senken. Nach dem Kruisberg war die Situation unverändert. Aus der 2. Verfolgergruppe attackierte jetzt wieder Greipel, gefolgt von Sacha Modolo, Michael Valgren (Astana) und Filippo Pozzato (Wilier). Vor dem letzten Kwaremont lag Gilbert knapp eine Minute vor der Verfolgergruppe. Eine weitere halbe Minute dahinter war das nächste Quartett, das aber nur wenige Meter auf die folgende Gruppe herausgefahren hatte.

Sagan stürzt, reißt van Avermaet und Naesen mit

Im Oude Kwaremont fiel in der Verfolgergruppe Trentin als erster ab. Kontakt zu Sagan hielten nur noch van Avermaet und Naesen, knapp gefolgt von van Baarle. Dann geschah Sagans Sturz, als er zu nah am Absperrgitter fuhr und die Kontrolle über sein Rad verlor. (Bei der Teampräsentation am Vormittag fuhr er noch mit Wheelie auf die Bühne, um seine Radbeherrschung einmal mehr zur Schau zu tragen.) Ob das Trio aus Sagan, van Avermaet und Naesen ohne den Zwischenfall dem Mann des Tages noch sehr nahe auf den Pelz gerückt wäre?

Jedenfalls war nun ein Quartett mit van Avermaet, Offredo, Felline und Trentin auf der Verfolgung von van Baarle, der unverhofft als Solist an 2. Position des Rennens fuhr. Aus dem Nichts kam Terpstra hinzu. Am Paterberg zündete van Avermaet die Endstufe, die ihn, den Gewinner der 3 großen flämischen Eintagesrennen der bisherigen Saison 2017, eigentlich auch zum Sieg bei der noch größeren Flandern-Rundfahrt bringen sollte. Dem Olympiasieger konnte nur Terpstra folgen. Hinter der Kuppe brauchte das Duo knapp 2 Kilometer, bis sie van Baarle gestellt hatten.

Hinter Gilbert und dem Verfolgertrio lief eine 14-köpfige Gruppe zusammen, die um den 5. Platz sprintete. Diesen holte sich Alexander Kristoff vor Sacha Modolo und John Degenkolb. Der Sieger Philippe Gilbert indes fügte seinen Palmarès das 3. der 5 Monumente hinzu. Bisher feierte er 2 Siege bei der Lombardei-Rundfahrt und einen bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. Es fehlen noch Mailand-Sanremo - und Paris-Roubaix, das eine Woche nach der 101. Flandern-Rundfahrt auf dem Kalender steht...

So 2. April 2017, Antwerpen - Oudenaarde
Ergebnis der 101. Auflage Ronde van Vlaanderen / Tour de Flandres (259,5km)
1. Philippe Gilbert (BEL) - Quick Step Floors 6:23:45
2. Greg van Avermaet (BEL) - BMC +0:29
3. Niki Terpstra (NED) - Quick Step Floors gl.Zeit
4. Dylan van Baarle (NED) - Cannondale-Drapac gl.Zeit
5. Alexander Kristoff (NOR) - Katusha-Alpecin +0:53
6. Sacha Modolo (ITA) - UAE-Emirates
7. John Degenkolb (GER) - Trek-Segafredo
8. Filippo Pozzato (ITA) - Wilier-Selle Italia
9. Sylvain Chavanel (FRA) - Direct Energie
10. Sonny Colbrelli (ITA) - Bahrain-Merida alle
11. Michael Valgren (DEN) - Astana
12. Luke Durbridge (AUS) - Orica-Scott
13. Matteo Trentin (ITA) - Quick Step Floors
14. Yoann Offredo (FRA) - Wanty-Groupe Gobert gleiche
15. Gianni Moscon (ITA) - Sky
16. Scott Thwaites (GBR) - Dimension Data
17. Tony Gallopin (FRA) - Lotto Soudal
18. Nelson Oliveira (POR) - Movistar Zeit
19. Fabio Felline (ITA) - Trek-Segafredo +1:01
20. André Greipel (GER) - Lotto-Soudal +2:29
21. Baptiste Planckaert (BEL) - Katusha-Alpecin gl.Zeit
22. Edvald Boasson Hagen (NOR) - Dimension Data gl.Zeit
23. Oliver Naesen (BEL) - AG2R La Mondiale +2:32
24. Alberto Bettiol (ITA) - Cannondale-Drapac gl.Zeit
25. Alexander Edmondson (AUS) - Orica-Scott +3:30
...
27. Peter Sagan (SVK) - Bora-Hansgrohe +3:30
28. Nikias Arndt (GER) - Sunweb
37. Tom Boonen (BEL) - Quick Step Floors
56. Arnaud Démare (FRA) - FDJ

Haken hinter den 6 wichtigsten Eintagesrennen

Zieht man die Straßen-WM hinzu, machte Gilbert seinen 4. Haken hinter eines der 6 begehrtesten Eintagesrennen. Er stieg damit in einen illustren Kreis von Fahrern auf, die bei mindestens 4 unterschiedlichen dieser 6 Rennen in einer Siegerliste stehen.

Bobet und Kuiper erwiesen sich als wahre Minimalisten, waren sie doch bei allen 5 betreffenden Rennen je einmal erfolgreich. Beiden fehlte Lüttich-Bastogne-Lüttich. De Vlaeminck gewann wie Merckx und van Looy sämtliche 5 Monumente, wurde allerdings nie Straßen-Weltmeister. Ein Tom Boonen (war auch Weltmeister) gewann zwar insgesamt 7 Monumente und damit 3 mehr als Gilbert, aber nur bei 2 unterschiedlichen Rennen (Flandern und Roubaix).


Start erstmals in Antwerpen, Rückkehr der Muur

Die Flandern-Rundfahrt 2017 startet in Antwerpen. Nach 19 Austragungen verabschiedet sich das Radsport-Monument damit vom Startort Brügge. Von der ersten Austragung 1913 bis in die 1970er Jahrer begann die Flandern-Rundfahrt in oder bei Gent, danach für 2 Jahrzehnte in Sint-Niklaas. Antwerpen ist also 2017 erstmals Startort des wichtigsten flämischen Radrennens und wird dies bis mindestens 2021 bleiben.

In diesem Zuge kehrt auch die Mauer von Geraardsbergen zurück in den Streckenplan, allerdings bereits knapp 100 Kilometer vor dem Ziel. Dieses befindet sich seit 2012 in Oudenaarde. Mit der Verlegung des langjährigen Zielortes Meerbeke musste seinerzeit auch die berühmte «Muur» im nahe gelegenen Geraardsbergen aus dem Profil der Flandern-Rundfahrt weichen. Die entscheidenden Anstiege innerhalb der letzten 20 Kilometer sind seither Oude Kwaremont und Paterberg. Die Abfolge der letzten 10 Anstiege bei der Flandern-Rundfahrt 2017 ist identisch zum Vorjahr.

Anstiege («Hellingen»)

km-

Zeit

Länge

med.

max.

KSP*

Lippenhovestraat

176

12:45

-

-

-

1,3

Paddestraat

175

12:47

-

-

-

1,5

1.

Oude Kwaremont

145

13:29

2,2

4,0%

11,6%

1,5

2.

Kortekeer

134

13:44

1,0

6,4%

17,0%

3.

Eikenberg

127

13:55

1,2

5,2%

10,0%

1,2

4.

Wolvenberg

124

14:00

0,6

7,9%

17,3%

-

Holleweg

124

14:00

-

-

-

1,5

Haaghoek

118

14:08

-

-

-

2,0

5.

Leberg

115

14:12

1,0

4,2%

13,8%

-

6.

Berendries

111

14:18

0,9

7,0%

12,3%

-

7.

Tenbosse

106

14:25

0,5

6,9%

8,7%

-

8.

Muur - Kapelmuur

95

14:40

0,8

9,0%

20,0%

0,8

9.

Pottelberg

77

15:07

1,4

3,3%

10,0%

-

10.

Kanarieberg

71

15:15

1,0

7,7%

14,0%

-

11.

Oude Kwaremont

55

15:38

2,2

4,0%

11,6%

1,5

12.

Paterberg

52

15:43

0,4

12,9%

20,3%

0,4

13.

Koppenberg

45

15:52

0,6

11,6%

22,0%

0,6

14.

Steenbeekdries

40

16:00

0,7

5,3%

6,7%

0,7

15.

Taaienberg

37

16:03

0,5

6,6%

15,8%

0,5

16.

Kruisberg/Hotond

27

16:18

2,5

5,0%

9,0%

0,5

17.

Oude Kwaremont

17

16:32

2,2

4,0%

11,6%

1,5

18.

Paterberg

14

16:37

0,4

12,9%

20,3%

0,4

Zielankunft in Oudenaarde: Kilometer 259,5 ca. 16:56
*) Kopfsteinpflaster

Wildcards für die Flandern-Rundfahrt 2017 wurden ausgesprochen an: Cofidis, Direct Energie (beide Frankreich), Roompot (Niederlande), Sport Vlaanderen, Wanty-Groupe Gobert, Verandas Willems (alle Belgien) und Wilier (Italien).

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