David Millar - Der EPO-Weltmeister

Der 1977 geborene Radprofi David Millar ist Schotte, kam auf Malta zur Welt, wuchs größtenteils in der ehemals britischen Kolonie Hongkong auf, fing in England mit dem Rennradfahren an, unterschrieb 1997 einen Profivertrag beim französischen Rennstall Cofidis und lebt seitdem im baskischen Teil Frankreichs in Biarritz. Alles klar?
Ebenso unbeständig verlief bislang die Karriere des derzeit besten britischen Straßenradfahrers, der bei seiner ersten Tour-de-France-Teilnahme im Jahr 2000 bei der 1. Etappe im Kampf gegen die Uhr Vorjahressieger Lance Armstrong hinter sich ließ und anschließend drei Tage das gelbe Trikot trug. Sofort feierte die Presse Millar als den kommenden Mann. Obwohl David Millar mittlerweile ein ziemlich guter Rennfahrer geworden ist, lässt sich feststellen, dass der Schotte eher kein neuer Eddy Merckx mehr wird. Vielmehr wird der Brite als «Doping-Weltmeister» in die Geschichtsbücher eingehen...

Hongkong ist kein Radsport-Mekka
Wer im fernen Osten in einer britischen Kronkolonie etwa der Größe Rügens aufwächst, dürfte mit Radsport eigentlich nicht viel am Hut haben. So richtig auf dem Zweirad entfalten konnte sich auch David Millar in Hongkong nicht. Erst als sich seine Eltern geschieden hatten und der Teenie Millar zu seiner Mutter nach London zog, konnte er mit einem Rennrad die Landstraßen erkunden. Auch Großbritannien ist nicht unbedingt zu den großen Radsport-Nationen zu zählen; doch Millar, der selbst nicht mehr weiß, was ihn eigentlich auf diesen Sport brachte, hatte sich in den Kopf gesetzt, Profi zu werden.
Und wie das Leben so spielt - gute Ergebnisse hier, auffällige Rennen dort -, wurde dem Schotten vom französischen Cofidis-Team 1997 ein Vertrag mit Laufzeit bis 2003 vorgelegt. Millar unterschrieb.

Zeitfahrspezialist?
In seinen ersten Profijahren sammelte der Schotte erste Erfahrungen. 1999 setzte es einen zweiten Platz in der Endabrechnung beim Critérium International. Vor allem in Einzelzeitfahren geizte Millar nicht mit beachtlichen Resultaten. So kam auch sein erster Sieg im Profilager in dieser Disziplin zustande. 1997 gewann David Millar den Prolog der Tour de l'Avenir.
Nur zu lang durfte der Kampf gegen die Uhr nicht dauern. Da kam also die 1. Etappe der Tour de France 2000, mit 16,5 Kilometern Länge ein verkappter Prolog, gerade recht. Millar stellte auf dem für ihn maßgeschneiderten Kurs die Bestzeit auf und wurde auch von Lance Armstrong oder Jan Ullrich nicht mehr von der Spitzenposition verdrängt: Etappensieg und Gesamtführung bei der ersten Tour-Teilnahme!
"Ich schlafe heute nacht im gelben Trikot", freute sich Millar. Der damals 23-jährige beendete die "Große Schleife", fiel dabei noch auf den 62. Rang zurück.
Spektakulärer Anfang, diskrete Fortsetzung - schon vor seinem bis dahin größten Triumph litt der Schotte unter teilweise gravierenden Formschwankungen. Dabei muss man einräumen, dass ein 62. Platz für einen Tour-Debütanten keineswegs eine Fehlleistung ist. Nur schien der nun hohe Erwartungsdruck David Millar nicht gerade zu beflügeln. Der nächste Sieg ließ auf sich warten, vorwiegend in Einzelzeitfahren landete Millar auf den vorderen Plätzen. Immerhin erreichte er durch seine Zeitfahr-Qualitäten zwei kleinere Rundfahrtsiege (Circuit de la Sarthe & Dänemark-Rundfahrt).
Ist der 1,92m große Millar demzufolge ein reiner Zeitfahrer? Allein die Körpergröße deutet eigentlich schon darauf hin, dass der Brite kein brillanter Bergfloh sein kann und in der Konsequenz kein - abgesehen von seiner Körperlänge - großer Rundfahrer. Als Beleg dafür kann die Vuelta España 2001 herangezogen werden: Millar gewann das Zeitfahren zum Auftakt und baute danach ab, wurde 42.
Dann, kurz nach der Spanien-Rundfahrt, folgte fast der riesige Erfolg bei der Straßen-WM in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon: der Weltmeistertitel im Einzelzeitfahren - wo auch sonst? Bei einer Distanz von knapp über 30 Kilometer gibt ein überglücklicher Millar schon erste Siegerinterviews, glaubt an ein für ihn perfekt gelaufenes Rennen. Da hatte der Schotte die Rechnung ohne Jan Ullrich gemacht, der bei allen Zwischenzeiten noch hinter Millar lag, auf dem letzten Abschnitt aber förmlich zu fliegen schien. So musste sich David Millar mit Silber begnügen.
Der Enttäuschung folgte das Vorhaben, im Jahr 2002 mit einer größeren Konstanz aufzutreten. Und vielleicht auch zu beweisen, das in einem David Millar mehr steckt als ein starker Zeitfahrer.

Großer Sieg und großer Frust
Zumindest von dem Rundfahrer Millar waren auch 2002 keine Wundertaten zu bestaunen. Stattdessen demonstrierte der Schotte auf der 13. Etappe der Tour de France 2002 nach Béziers eindrucksvoll seine Ausdauer, sein Taktikverständnis und nicht zuletzt seine Spurtfähigkeiten, als er in einer hochkarätigen Ausreißergruppe von geschlagenen Fahrern im Gesamtklassement auf einer Überführungsetappe seinen zweiten Tagessieg bei einer Frankreich-Rundfahrt feiern konnte.
Dieser sehenswerte Etappentriumph hat die Saison 2002 für Millar gerettet; denn ansonsten war an wirklich zählbarem Erfolg nicht viel herausgesprungen. Da passte es ins Bild, dass der britische Sohn eines Piloten bei der Vuelta 2002 auf dem vielversprechenden Gesamtrang 9 liegend nach einigen Bruchlandungen auf der Unwetteretappe zum Anglirú einen Meter vor dem Ziel vom Rad stieg, um seinen Frust über die Organisatoren zu demonstrieren. Diese quittierten Millars Aktion mit dem Ausschluss, weil sie seinen Abstieg als Ausstieg interpretierten - doppelt bitter!
David Millar, ein Rennfahrer mit Ecken und Kanten. Nicht nur mit den Vuelta-Organisatoren, auch mit seiner eigenen Teamleitung legte sich Millar an, was sich auf die erste Jahreshälfte 2003 nicht gerade förderlich auswirkte. Gut aufgelegt präsentierte sich Millar allerdings bei der Dauphiné-Rundfahrt im Juni, als er hinter Armstrong und Mayo Dritter wurde. Der Höhepunkt der Differenzen war dann aber erreicht, als Millar beim Prolog der Jubiläumstour in Paris nach deutlicher Zwischenbestzeit die Kette absprang und der sicher geglaubte Sieg deswegen flöten ging. Millar warf seinem sportlichen Leiter diesmal vor, nicht für das beste Material gesorgt zu haben. Die Teamleitung wurde daraufhin ausgetauscht.

Zeitfahr-Weltmeister für 11 Monate
Noch während der Tour 2003 glätteten sich die Wogen. Millar gewann die 19. Etappe, das verregnete Einzelzeitfahren von Pornic nach Nantes und verlängerte zudem nach der "grande boucle" seinen Vetrag bei Cofidis bis 2005. Mit Etappensiegen bei Burgos- und Spanien-Rundfahrt reiste der Schotte als ein Favorit zur WM im Einzelzeitfahren nach Kanada. Und tatsächlich: Ohne einen Jan Ullrich als Gegner absolvierte der 26-jährige Millar den 41,6km-Zeitfahrkurs in Hamilton mit der deutlich schnellsten Zeit und durfte sich jetzt endlich das Regenbogentrikot mit der Stoppuhr überstreifen lassen.
Was da noch keiner wusste: David Millar war bei seiner Triumphfahrt in Kanada mit EPO gedopt. Das gab er in einem Polizeiverhör im Juni 2004 zu, nachdem sich schon das ganze Jahr eine Dopingaffäre um das Cofidis-Team zugespitzt hatte. Vom überführten Philippe Gaumont etwa war zu hören, dass sein (Ex-)Teamkollege Millar eine große Rolle im Doping-Drama um den französischen Rennstall spiele. Millar bezeichnete Gaumont daraufhin zunächst als "Verrückten". Dann aber kam das Geständnis, das einer positiven Dopingprobe gleicht - obwohl Millar immer negativ war...
Im September 2004 wurde Millar von der UCI der WM-Titel aberkannt. Elf Monate, nachdem er seinen größten Erfolg durch Betrug einsackte, war der Sieg futsch. Und seine Profi-Karriere als Radsportler kann Millar auch erstmal in den Wind schießen. Eine zweijährige Dopingsperre wurde schnell danach verhängt.

Der Verfechter des sauberen Sports...
Im Juni 2006 lief die Sperre für David Millar ab. Schon Ende 2005 gab der ProTour-Rennstall Saunier Duval die Verpflichtung des Briten für die zweite Saisonhälfte 2006 bekannt. Millar versprach, ab sofort saubere Siege einfahren zu wollen. Sein erstes Rennen nach der Sperre war ausgerechnet die Tour de France, bei der er sich achtbar, aber recht unauffällig schlug. Es war ausgerechnet diese Tour de France 2006, die im Vorfeld mit Ausschlüssen vieler Stars wegen der spanischen Doping-Affäre «Operacion Puerto« zu kämpfen hatte und deren Sieger Floyd Landis schließlich auch noch als Doper entlarvt wurde. Millar bezeichnete die Doping-Skandale als Glücksfall - auf dem Weg in einen sauberen Sport!
Im September dann sein erster Sieg nach der Sperre: Bei der Spanien-Rundfahrt schlug Millar den Schweizer Cancellara in der Parade-Disziplin Einzelzeitfahren mit weniger als einer Sekunde Vorsprung.

Nach einem weiteren Jahr bei Saunier Duval wechselte Millar ab 2008 zum US-amerikanischen Slipstream-Rennstall, dessen namensgebender Hauptsponsoer in den nächsten Jahren Garmin sein sollte. Millar erreichte nie mehr ganz sein Niveau von vor der Dopingsperre, erzielte aber trotzdem noch weitere Etappensiege bei allen 3 großen Landesrundfahrten.

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Die wichtigsten Profi-Siege und Millars Teams

1997 - Cofidis
Prolog Tour de l'Avenir

1998 - Cofidis
3.2 Etappe 3 Tage von De Panne (EZF)
Prolog Tour de l'Avenir
6. Etappe Tour de l'Avenir (EZF)

1999 - Cofidis

2000 - Cofidis
1.2 Etappe Route du Sud (EZF)
1. Etappe Tour de France (Futuroscope/EZF)

2001 - Cofidis
3. Etappe Circuit de la Sarthe (Angers)
5. Etappe Circuit de la Sarthe (La Flèche)
Circuit de la Sarthe, Gesamtsieg
5. Etappe Bicicleta Vasca
5. Etappe Dänemark-Rundfahrt
Dänemark-Rundfahrt, Gesamtsieg
1. Etappe Spanien-Rundfahrt (Salamanca/EZF)

2002 - Cofidis
13. Etappe Tour de France (Béziers)

2003 - Cofidis
Prolog 3 Tage von West-Flandern
Tour de Picardie, Gesamtsieg
19. Etappe Tour de France (Nantes)
4. Etappe Burgos-Rundfahrt
17. Etappe Vuelta Ciclista España (Córdoba)
Zeitfahrweltmeister in Hamilton

2004 - Cofidis

2006 - Saunier Duval-Prodir
14. Etappe Vuelta Ciclista España (Cuenca/EZF)

2007 - Saunier Duval-Prodir
Prolog Paris-Nizza
Britischer Straßenmeister
Britischer Zeitfahrmeister

2008 - Slipstream-Chipotle / Garmin-Chipotle

2009 - Garmin-Slipstream
20. Etappe Spanien-Rundfahrt (Toledo/EZF)

2010 - Garmin-Transitions
3. Etappe Critérium International (Porto-Vecchio/EZF)
3.2 Etappe 3 Tage von De Panne (De Panne/EZF)
3 Tage von De Panne, Gesamtsieg
Chrono des Nations

2011 - Garmin-Cervélo
21. Etappe Giro d'Italia (Mailand/EZF)

2012 - Garmin-Barracuda / Garmin-Sharp
12. Etappe Tour de France (Annonay Davézieux)

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Millar bei der Tour de France
2000 62. für Cofidis
1. Etappe (Futuroscope/EZF)
Träger des gelben Trikots
Träger des grünen Trikots
Träger des weißen Trikots
2001 --. für Cofidis
2002 68. für Cofidis
13.Etappe (Lavelanet - Béziers)
Träger des weißen Trikots
2003 55. für Cofidis
19. Etappe (Pornic - Nantes/EZF)
2006 58. für Saunier Duval-Prodir
2007 68. für Saunier Duval-Prodir
2008 65. für Garmin-Chipotle
2009 84. für Garmin-Slipstream
2010 157. für Garmin-Transitions
2011 75. für Garmin-Cervélo
2012 106. für Garmin-Sharp
12. Etappe (St-Jean-de-Maurienne - Annonay Davézieux)

Millar-Seiten im www

Großbritannien

David Millar
* 04.01.1977 auf Malta

Teams & Siege
Millar bei der Tour de France
Stand: 23.07.2012

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